über Konsumverzicht
12/05/2015

Lasset die Kassen klingeln!

Adventzeit ist Shopping-Zeit. Hoffentlich! Österreichs Wirtschaft leidet nämlich unter schlechter Kauflaune.

von Martina Salomon

Eine Fastenkur bringt mittlerweile mehr Prestige als ein neues Auto.

Dr. Martina Salomon | über Konsumverzicht

Die Österreicher sind kaufmüde geworden. Im Oktober hat EU-weit nur der slowenische Einzelhandel gegenüber dem Vorjahr ein noch größeres Minus erlitten. Natürlich handelt es sich dabei um Angstsparen angesichts der akuten Politikschwäche. Wahrscheinlich liegt es aber auch daran, dass Dutzende Umweltorganisationen – unterstützt von sympathisierenden Journalisten und Lehrern – hierzulande besonders laut trommeln. Gerade haben wir den "Kauf-Nix-Tag" abgefeiert und uns die "sieben Todsünden des Konsums" von Global 2000 anhören müssen. Thunfisch, Schokolade, Orangensaft – überall klebt Sklaverei, Landraub und Kinderarbeit dran. Täglich werden neue Panikmeldungen (Aluminium, Hormone, Pestizide!) verbreitet. In der City verteilen Aktivisten Flugblätter.

Es scheint so, als brächte eine Fastenkur mittlerweile mehr Prestige als ein neues Auto. Gut oder schlecht? Beides zugleich! Klar kann die breite Masse auch ohne neue Kleider, Möbel oder Autos gut weiterleben. Die Kästen und die Kühlschränke sind übervoll, wir leben in der Wegwerfgesellschaft. Man kann auch verstehen, dass die vorweihnachtliche Hektik unter "Last Christmas"-Gedudel und Punsch-Schwaden eine akute Kauf-Allergie auslöst. Aber: Schwächelt der Konsum, schwächelt die Wirtschaft. Das bedeutet weniger Jobs – schon jetzt sind fast 50.000 Handelsangestellte ohne Arbeit: Opfer von "Kauf nix". Mehr Mindestsicherungsbezieher binden Mittel, die für öffentliche Investitionen bitter nötig wären. Aber die Kassen sind leer, noch höhere Steuern würden wiederum den Konsum schwächen. Weite Teile der Wirtschaft wehren sich schon mit einem " Investitionsstreik". Ein Teufelskreislauf.

Fair Erzeugtes kostet mehr

Hilft Konsumverzicht dann wenigstens den Menschen in der Dritten Welt, die T-Shirts nähen oder chemisch schwer belastete Blumen ernten müssen? Nicht unbedingt. Die aus unserer westlichen Sicht tatsächlich oft untragbaren Arbeitsumstände retten vor Ort vielleicht eine ganze Familie vor Hunger und Verelendung, weil es keine anderen Jobs gibt. Natürlich darf das kein Freibrief für schreckliche Bedingungen sein. Der Konsument hat Macht und sollte noch viel mehr auf vernünftig produzierte Waren (auch österreichische!) achten. Aber nimmt er dafür auch höhere Preise in Kauf?

In unserer Welt ist Wachstum Leben und Fortschritt. Bewusster Konsum kann die Ausbeutung von Mensch und Umwelt reduzieren helfen, regionale Unternehmen stärken. Aber nicht automatisch ist ein besserer Mensch, wer sich in Sack und Asche kleidet und ausschließlich für den guten Zweck kauft.

Wenn ein Klima entsteht, in dem Konsum als dekadent verachtet wird, dann untergräbt das die Leistungsbereitschaft und damit auch die Zukunft eines Landes. In Österreich ist es übrigens schon so weit.

martina.salomon@kurier.at

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