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Leitartikel
05/20/2021

Langsam wachs’ ma z’amm

Österreich – also seine Grenzen, seine Beisln, seine Bühnen – hat wieder geöffnet. Aber vieles müssen wir wie kleine Kinder neu lernen.

von Gert Korentschnig

Waren Sie auch gleich am erstmöglichen Tag wieder im Wirtshaus? Oder vielleicht sogar im Theater oder im Konzert? Dann geht es Ihnen eventuell ähnlich wie Ihrem Leitartikler, der das Gefühl hatte, es werde noch eine Zeit lang dauern, bis sich das neue Normal auch dementsprechend anfühlt. (Wobei Empfindungen natürlich zu den subjektivsten Wahrnehmungen zählen – falls also Sie von keinerlei Skepsis beschlichen wurden, seien Sie darum beneidet.)

Eine Lesart des Eröffnungs-Brimboriums und der damit verbundenen neuen Leichtigkeit ist jedenfalls folgende: Seltsam, wenn Menschen ohne Maske bei der Bushaltestelle näher als zuletzt neben einem zu stehen gelangen (vielleicht auch nur, weil einfach wieder mehr los ist auf den Straßen); befremdlich, wenn unzählige Menschen vor Lokalen mit Flaschen in der Hand so knapp beisammen stehen, als hätte Rudi Anschober nie gewirkt; völlig ungewohnt, wenn sie nicht ausweichen, wenn man sich vorbeidrängen will, sondern Party machen als schrüben wir 1999 (ein kleines Stoßgebet an dieser Stelle gen Himmel zum Popgenie Prince); und auch der Mann, der kurz ohne Maske zwei Schritte aus dem Gastgarten Richtung Bar im Inneren des Lokales macht, wirkt wie der Geisterbote aus einer anderen Zeit; von jenem Künstler, der einem zur Begrüßung die Hand geben will, ganz zu schweigen.

Um nicht missverstanden zu werden: Der dies formuliert, begrüßt die Öffnungsschritte vollinhaltlich und mit größerer Begeisterung als die politische Inszenierung derselben. Und er ist fest überzeugt, dass es an der Zeit war, mit der Existenz des Virus leben zu lernen. Zum Glück also ist Österreich wieder offen (dazu zählen auch die Grenzen, denn ein Übertritt derselben kann geistig sehr gesund und bereichernd sein).

Aber die Hemmungslosigkeit, mit der der Auftakt mancherorts begangen wurde, bereitet auch zweierlei Sorgen: Erstens jene, ob sich die Lust am ehebaldigen Aufholen des Versäumten nicht direkt proportional zu den Infektionszahlen verhält (wenn die Regierung und damit wir alle das noch einmal vergeigen, dann geht wirklich vieles zu Bruch); und die Sorge, wie lange es wohl dauern werde, bis wir uns wieder an große Menschenansammlungen und auch Nähe gewöhnt haben werden.

Die Gesundheitskrise ist freilich mindestens so heftig eine psychische. Und wenn wir an dieser Stelle so oft moniert haben, dass Corona im Großen für Gräben in der Gesellschaft gesorgt hat, dann sehen wir spätestens jetzt, dass es im Kleinen auch die Distanz zwischen Menschen über Babyelefanten-Maß hinaus vergrößerte. Hoffentlich ist Fernweh, also der Wunsch nach Abstand, nicht das neue Heimweh. Und hoffentlich gibt es Busserln bald nicht mehr nur als Smileys.

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