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Meinung
06/17/2019

Kurz: Warum so viel Aufregung um einen Nicht-Skandal?

Der Ex-Kanzler bekämpft einen "Fälschungsskandal", der noch gar keiner war. Ist das Ablenkung - oder nur Message Control?

von Christian Böhmer

Sebastian Kurz war schnell, unglaublich schnell. Montagmorgen lud der Parteichef der Volkspartei per "Eilt"-Meldung zu einer Pressekonferenz, es galt einem "Fälschungsskandal" zu begegnen.

Fälschungen? Skandale? Eilt-Meldungen?

Das klang nach einem mittleren journalistischen Erdbeben.

Worum ging es also?

Laut dem ÖVP-Chef hat ein investigatives österreichisches Medium vergangene Woche behauptet, es sei im Besitz von eMails, die beweisen sollen, dass Kurz und sein Vertrauter Gernot Blümel direkt mit dem Ibiza-Video in Verbindung stünden. 

Was genau in den eMails behauptet wird, das wollte der Ex-Kanzler gestern lieber nicht beantworten - so mache man nur das Geschäft der Fälscher.

Unterm Strich ist laut Volkspartei aber alles eine große Lüge, die ÖVP stecke nicht hinter dem Ibiza-Video.

Das sei so. Das habe zudem eine Prüfung der technischen Details durch die forensische Abteilung der Wirtschaftsprüfer von Deloitte ergeben. Und abgesehen davon habe man eine Sachverhaltsdarstellung bei der Justiz eingebracht und viel Lob für das nicht näher genannte Medium übrig: Es sei gut und wichtig, dass die journalistische Sorgfaltspflicht im konkreten Fall eingehalten und vorab der nötige Gegencheck beim Betroffenen - also bei der ÖVP - gemacht wurde.

Nun ist es löblich und alles andere als selbstverständlich, wenn sich der frühere Regierungschef der Republik vor Journalisten stellt und ein Medium für etwas lobt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich: Heikle Geschichten und Fakten gegenzuchecken, ehe man diese veröffentlicht.  

Und es ist außerdem richtig und wichtig, wenn Kurz - wie andere auch - die Bürger und Konsumenten darauf hinweist, dass es einen veritablen Unterschied macht, ob man irgendetwas irgendwo irgendwie im Internet konsumiert oder sich auf seriöse mediale Plattformen verlässt. 

Dessen ungeachtet, lässt die Eilt-Erklärung von Montagvormittag aber ein wenig staunen. 

Denn warum thematisiert die ÖVP überhaupt einen Skandal- und Skandal-eMails, die - abgesehen von ihr selbst - noch niemand groß gesehen, geschweige denn veröffentlicht hat?

Wollte der Ex-Kanzler vielleicht von der fast gleichzeitig erfolgten politischen Erklärung seines früheren Koalitionspartners Heinz-Christian Strache ablenken?

Wollte Kurz mit seiner Ansage eine andere, journalistisch jedenfalls bemerkenswerte Begebenheit, nämlich seine spontane Segnung vor Tausenden Menschen in der Wiener Stadthalle,  medial "zudecken"?

Oder geht es im konkreten Fall um etwas völlig Anderes, nämlich: Um den noch aus der Regierungszeit kommenden politischen Reflex, dass man alles nach Möglichkeit kontrollieren soll und muss - und seien es Geschichten und Skandale, die noch gar keine sind.