Ben Fitzgerald ließ Gläubige für Sebastian Kurz beten.

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Politik Inland
06/17/2019

Kritik an Kollektiv-Gebet für Ex-Kanzler: Kurz selbst "überrascht"

Australischer Pastor rief in Wiener Stadthalle zu Segensgebet auf. Kurz-Sprecher: "Spontane Idee bei ökumenischer Veranstaltung."

von Lukas Kapeller

ÖVP-Chef Sebastian Kurz, seit Kurzem nicht mehr Kanzler, liegt in Umfragen zwar bei 38 Prozent. Ein Segensgebet des australischen Pastors Ben Fitzgerald in der Wiener Stadthalle bringt nun aber nicht unbedingt Rückenwind.

In der Stadthalle hatten Ende vergangener Woche über vier Tage hinweg Tausende Gläubige zum religiösen Event "Awakening Europe" ("Europa erwecken") zusammengefunden. Am Sonntag besuchte auch der im Frühwahlkampf befindliche Ex-Kanzler die Veranstaltung.

Pastor Fitzgerald bat Kurz auf die Bühne und sprach die Worte: "Ich glaube, es ist klar, dass wir nicht nur jetzt für Sebastian beten, sondern auch in Zukunft." Dann bat er die Gläubigen in der Halle, die Hände zum Gebet auszustrecken, und legte Kurz die Hand auf die rechte Schulter.

"Gott, wir danken dir so sehr für diesen Mann, für die Weisheit, die du ihm gegeben hast. Für das Herz, das du ihm gegeben hast für dein Volk. Wir beten und danken dir, dass Gerechtigkeit eine Nation aufrichtet. (…) Wir beten, dass du ihm gerechte Führungsstärke gibst, große Weisheit und großen Schutz. Stimmt ihr alle zu? (Jubel im Publikum.) Amen.“ Dann bedankte sich Kurz.

In sozialen Medien gibt es Kritik an dem Auftritt, auch aus kirchlichen Kreisen.

Kritik an Art des Gebets

"Die Kirchen sollten sich hüten, sich vor den parteipolitischen Karren spannen zu lassen, egal welcher Partei. Für andere beten ist gut - aber es darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass das Gebet der Wahlwerbung dient, das wäre Missbrauch des Gebets", twitterte Maria Katharina Moser, Direktorin der Hilfsorganisation Diakonie, noch am Sonntag. Moser ist selbst evangelische Pfarrerin in Wien.

Caritas-Präsident Michael Landau kommentierte den Auftritt von Kurz mit einem Satz aus dem Matthäus-Evangelium. "Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ' die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist!" Später sprach er allerdings von einer "wichtigen Klarstellung" von Kurz-Sprecher Etienne Berchtold.

"Spontane Idee" des Pastors

Berchtold hatte am Sonntag auf Twitter dargelegt: "Das Gebet war eine spontane Idee von Ben Fitzgerald im Rahmen dieser ökumenischen Veranstaltung. Sebastian Kurz ist oft bei religiösen Veranstaltungen zu Gast, wie zum Beispiel katholischen, evangelisch-lutherischen, orthodoxen, alevitischen oder buddhistischen etc., so auch heute." Jeder, der schon mal in einer Kirche gewesen sei, wisse, "dass es dort auch oft Fürbitten gibt für Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft".

Kurz: Keine Segnung "bestellt"

Kurz nahm am Montag bei einer Pressekonferenz über gefälschte Ibiza-Mails auch selbst zum Gebet Fitzgeralds Stellung. "Ich war überrascht - und deshalb für meine Verhältnisse auch ein wenig starr." Er habe den australischen Pastor vorher nicht gekannt. Seine Teilnahme verteidigte er aber. So sei er bei der Veranstaltung gewesen, weil er noch als Bundeskanzler dazu eingeladen worden sei, "so wie ich auch an religiösen Veranstaltungen von Juden, Orthodoxen oder auch dem islamischen Fastenbrechen teilgenommen habe".

Kurz betonte seine Überraschung über Fitzgeralds Bühnen-Segnung. Er habe die Veranstaltung gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn besucht, sagte er. "Es waren Christen aus 45 Nationen dort."  Seine Segnung sei vorab weder vereinbart noch bestellt worden.

Evangelische nicht eingebunden

Von dem laut Kurz-Sprecher ökumenischen, also interkonfessionellen Charakter des Events will man in der evangelischen Kirche zumindest auf offizieller Ebene nichts mitbekommen haben. Bischof Michael Bünker betonte, die evangelischen Kirchen in Österreich seien nicht an dem Event beteiligt gewesen.

Die katholische Kirche kann die Kritik am "Segensgebet" für den Ex-Kanzler unterdessen nicht nachvollziehen. Das Gebet habe weder Kurz' Partei gegolten noch habe man für seinen Erfolg gebetet, sagte der Sprecher der Erzdiözese Wien.

Diakonie: Gebet politisch "manipulativ"

Im KURIER-Gespräch sieht Diakonie-Direktorin Moser dies anders. "Was den Eindruck nahelegt, dass das eine Wahlwerbung sein könnte: Am Schluss des Gebets fragt Pastor Fitzgerald die Menschen in der Halle: Stimmt ihr zu? Damit fordert er sie zum Jubeln auf, und das ist aus meiner Sicht manipulativ. Das geht über ein Gebet für einen Politiker weit hinaus."

Wenn der Ex-Kanzler sagt, er sei überrascht worden, "dann ist der Pastor auf jeden Fall kein guter Seelsorger. Ich bete als Pfarrerin selber gerne für Menschen öffentlich im Gottesdienst. Aber ich frage immer davor: Darf ich für Sie beten?", erläutert Moser.

Zu den Veranstaltern hat die Diakonie-Vorsitzende auch grundsätzlich kritische Fragen: "Welche Absichten verfolgt die 'Awakening'-Bewegung mit 'Europa zurückerobern'? Steckt da eine Abgrenzung zu anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften, speziell zum Islam, drinnen? Was bedeutet das für das interreligiöse Zusammenleben in Europa?"

Missionarischer Zugang

Johann PockProfessor für Pastoraltheologie an der Uni Wien, beschreibt die Bewegung in vielfacher Hinsicht als problematisch. Er nannte den viertägigen Erweckungs-Event in einem Blog-Eintrag "hoch professionell und mit großem Aufwand vorbereitet".

Die Teilnehmer des Treffens würden explizit eingeladen, die "Verlorenen" in ihrem Bekanntenkreis zu den Erweckungsgottesdiensten mitzubringen. Motto: "Rettung und Heil gibt es nur 'drinnen' (in der Stadthalle, in der Kirche, in der Gemeinschaft …). Und 'verloren' sind natürlich jene, die noch nichts von Jesus gehört haben."

Vor diesem "Heilsexklusivismus" sei zu warnen. Diese Bühne für den Ex-Kanzler sei "sehr befremdend", meinte Pock außerdem.

"Radikal verändert" durch Jesus

Die Veranstalter des Segengebets sehen das starke mediale Echo als Bestätigung dafür, einen Nerv getroffen zu haben. Warum just Kurz? "Wir hätten auch jeden anderen Bundeskanzler eingeladen, ganz egal welcher Partei er oder sie zugehört", heißt es in einer Aussendung.

Die Bewegung "Awakening Europe" will den europäischen Kontinent remissionieren. Fitzgerald, der Leiter der Bewegung, erzählt von sich selbst, als früherer Drogendealer Jesus begegnet zu sein.

Fitzgerald wird den Evangelikalen zugerechnet, jener protestantischen Strömung, die unter anderem auf eine wortwörtliche Interpretation der Bibel Wert legt. Das Team um Fitzgerald nennt sich "leidenschaftliche Nachfolger Gottes", "alle radikal verändert durch die Liebe von Jesus".

Auf Twitter machten auch Videos aus der Wiener Stadthalle die Runde, in denen Fitzgerald von der Bühne aus die Spontanheilung eines Gläubigen mit starken Rückenschmerzen sowie einer Gehörlosen verkündete. Theologie-Professor Pock überrascht das im KURIER-Gespräch nicht. Schließlich habe Fitzgerald lange in der amerikanischen Bethel-Kirche, einer charismatischen Pfingst-Kirche gearbeitet. "Heilungen gehören zum Portfolio. Es wird damit geworben, dass man die Gnade Gottes auch sehen kann. Einer meiner Kritikpunkte ist, dass gesagt wird: 'Das gibt es nur bei uns.'"

Hinter "Awakening Europe" steht der Verein "GODfest Ministries" mit Sitz in der süddeutschen Stadt Kempten. Ökumenisch ist die Bewegung laut Pock insofern, als sie mehrere charismatisch-freikirchliche Organisationen vereinigt.