© APA/HELMUT FOHRINGER

Leitartikel
08/16/2021

Kommt nun bald der Aufschrei der Geimpften?

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein hat unrecht: Es ist höchst an der Zeit, über Nachteile für Nicht-Geimpfte zu diskutieren

von Richard Grasl

Vom schon wieder alten Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein ist jedenfalls eine konkrete Ansage überliefert: Man dürfe im Sommer nicht wieder die gleichen Fehler machen wie im letzten. Anders: Man dürfe nicht wieder nichts tun. Doch Mückstein scheint sein Versprechen zu brechen.

Stand Mitte August sind Infektionszahlen und Bettenbelegungen in den Spitälern doppelt so hoch wie zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres, und das trotz 60 %-iger Durchimpfung. Die hochansteckende Delta-Mutation ist schuld. Und Mückstein? Für das Thema, ob Ungeimpfte stärker eingeschränkt werden sollen, „sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt“. Es gibt keine Festlegung zu kostenpflichtigen Tests wie in Deutschland? Impfpflicht auch für bestehendes Gesundheits- und Lehrpersonal wie in Frankreich und Griechenland? Fehlanzeige. Der Turnschuh-Minister wird sich daran gewöhnen müssen, dass es in der Politik ernst zugeht, dass es nach erfolgter Diagnose auch eine Therapie geben muss – und dabei Placebos oder ein paar Tropfen auf Rezept gegen einen wuchernden Tumor wie Delta oder Lambda nicht wirken. Dass er nicht nur den netten „Onkel Doc“ spielen kann.

Besonders seltsam ist, dass Mückstein noch am Sonntag über die Differenzierung von Geimpften und Ungeimpften im Falle neuer Einschränkungen nicht einmal nachdenken möchte (im Laufe des Montag ruderte er ein wenig zurück). Wann wenn nicht jetzt? Wenn wir wegen voller Intensivstationen wieder vor einem Lockdown stehen? Dabei ist ja klar, dass Geimpften mehr zu erlauben ist als Ungeimpften. Denn sollte die Regierung auch nur daran denken, die Immunisierten wieder in einen Lockdown zu sperren, werden sich die Proteste umdrehen. Dann werden erstmals Geimpfte für ihre Rechte demonstrieren.

Gelindesten Mittel

Immer ist bei Einschränkungen unserer Freiheitsrechte (Erwerb, Bewegung, Bildung) die Rede, dass die gelindesten Mittel anzuwenden sind. Aber sind Hunderttausende Arbeitslose im Fall eines vierten Lockdowns gelinde, sind es massenhaft Jugendliche, denen man Chancen nimmt? Familien, die vor den Trümmern ihrer selbst aufgebauten Unternehmen stehen? Patienten, die man nicht operieren kann, weil alles voll ist? Menschen, die an Einsamkeit, Depression, Angstattacken leiden?

Oder ist es umgekehrt nicht ein zweifacher Stich mit einem Serum, das bereits millionenfach gespritzt wurde, gut verträglich ist und schützt? Natürlich werden heute wieder viele e-Mails in den KURIER kommen, die von infizierten Doppelt-Geimpften erzählen, von Todesfällen nach der Impfung. Doch all das ist – bei jedem tragischen Einzelfall – das gelindere Mittel als Massenarbeitslosigkeit, Übersterblichkeit und Long-Covid–Probleme. Die Debatte, die Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker losgetreten hat, ist daher jetzt zu führen. Immer mehr – von Ärztekammer bis zu Nachtlokal-Betreibern – fordern die 1-G-Regel, gerade von einem Minister, der Arzt ist und uns zum Antritt ein Versprechen gegeben hat.

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