Wer nicht liest, hat keine Ahnung

Werden wir eine illiterate Gesellschaft? Gratulation – wenn Sie dieses Fremdwort verstehen, gehören Sie zur Bildungselite. Immer mehr Österreicher sind illiterat, also ungebildet. Das haben uns die PISA-Studien brutal vor Augen geführt. Die Lesekompetenz von Erwachsenen liegt unter dem OECD-Schnitt. Bei den 15-/16-jährigen Schülern verfügt ein Fünftel nicht einmal über grundlegendste Lesefähigkeiten.

Der Hut brennt!

Das wird also ein bisserl schwer mit dem Vorhaben des Wissenschaftsministers und neuen Vizekanzlers, die "Wissensgesellschaft" auszubauen. Kommenden Montag ist übrigens Weltalphabetisierungstag. Was geschieht dafür? Eher weniger als mehr: So hat der Wiener Stadtschulrat im Mai die Lesetests mit dem Bundesinstitut für Bildungsforschung gestoppt. Dem war ein absurder Streit um ein angebliches Datenleck vorangegangen. Der Verdacht, dass man keine unliebsamen Ergebnisse mehr sehen wollte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Immerhin hat Ministerin Heinisch-Hosek ihre Entscheidung, die Teilnahme an den PISA-Tests abzusagen, dann erfreulicherweise doch wieder zurückgenommen (man könnte natürlich auch revidiert sagen, aber wer versteht das schon?).

Doch heiße Eisen werden nicht angefasst. Ja, es gibt eine sinnvolle neue Kindergartenpflicht, damit Kinder Deutsch lernen, bevor sie in die Schule kommen. Aber wird darauf geachtet, dass dort tatsächlich Deutsch gesprochen wird, auch in den vielen neuen islamischen Kindergärten?

Und noch immer spricht man im Bildungsministerium abfällig von "Getto-Klassen", wenn es darum geht, Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen erst in eigenen Klassen zu unterrichten, bevor man sie ins Regelschulwesen entlässt. In Schweden nennt man das "bunte Klassen" – klingt doch gleich besser! Auf informellem Wege findet das übrigens in Wien (in der Vorschule) ohnehin statt. Immerhin haben bis zu 60 Prozent der Wiener Taferlklassler nicht Deutsch als Muttersprache.

Alles lässt sich aber wohl nicht an die Schule abwälzen: Wenn Eltern selbst nur mehr aufs Handy starren, statt mit ihren Kindern zu reden und ihnen auch vorzulesen, dann muss man sich nicht wundern, wenn es ihnen die Kinder gleichtun.

"Lustvolles Lesenlernen" steht bei Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek ganz oben auf der Agenda, bald will sie einen nationalen "Leseplan" vorstellen. Klingt gut. Dennoch sollte sie sich auch von der sozialdemokratischen Doktrin verabschieden, alle Kinder bis zur Matura streicheln zu wollen. Es muss stattdessen ja nicht gleich asiatischer Drill ausbrechen. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass die Kinder der viel zitierten "Tiger-Moms" ihre Konkurrenten an allen internationalen Unis aus dem Feld schlagen. Es schadet nicht, in freudvolles Lesenlernen zu investieren. Aber dazu gehören auch motivierte(re) Lehrer und ein Abschied von der Illusion, dass man Schulziele ganz ohne Druck erreicht.

Nächstes KURIER-Gespräch: Achtung Schule! 25. 9., 18 Uhr, Raiffeisen Forum, Raiffeisenplatz 1, 1020 Wien. Mit Bildungsministerin Heinisch-Hosek und Autor/Lehrer Niki Glattauer. Eintritt frei.

(kurier) Erstellt am
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