Salomonisch: Politische Sprechpuppen

Martina Salomon
Foto: KURIER- Gruber Martina Salomon

Es ist wirklich keine gute Zeit für die Spitzenpolitik: Sie steht zum Teil selbst verschuldet ständig am Pranger

Kürzlich in der ORF-Pressestunde: Johanna Mikl-Leitner, die Frau mit dem Zaster-Spruch (der bleibt picken), leiert Sätze herunter, die ihre Berater vorher aufgeschrieben haben. Und es wirkt so unfassbar unnatürlich, als würde ein Roboter zwei normalen Menschen gegenübersitzen. Dabei ist Frau Mikl-Leitner ein gestandener Politik-Profi, abseits der Mikrofone redet sie ganz normal.

Aber Medien und Politik sind längst in einem Teufelskreis gefangen: Weil nur jene Journalisten (unter Kollegen) als intellektuelle Helden gelten, die ihr Gegenüber möglichst in die Enge treiben, wappnen sich Politiker vorsorglich mit stereotypen Satzbausteinen.

Auf die Spitze getrieben wird dieser monotone Stil von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der zu Interviews stets mit einem Stapel von Leuchtstift-markierten Unterlagen erscheint und diese Stellen dann, ohne Luft zu holen, herunterrattert.

Kein Wunder, dass ungekünstelte Politiker ein echter Lichtblick sind. Wie Wissenschaftsminister Töchterle. Der sollte vor einigen Wochen im Kreisky-Forum eigentlich über die Universitätsentwicklung sprechen, hielt dann aber listig einen Vortrag über seine Lieblingsphilosophen – eigentlich eine glatte Themenverfehlung. Doch das Publikum war von dem intellektuellen Schöngeist begeistert. Welch Kontrastprogramm zu den Ministerkollegen!

Nein, es ist wirklich keine gute Zeit für die Spitzenpolitik: Sie steht zum Teil selbst verschuldet ständig am Pranger, muss sich gegen Korruptionsvorwürfe aus der Vergangenheit und Fehler der Vorgänger verteidigen, soll unpopuläre Entscheidungen treffen, hat aber überhaupt keinen Rückhalt mehr im Wahlvolk.

Das lässt sich nur mit mehr Mut und mit weitaus mehr Transparenz bei den Parteifinanzen reparieren. Und außerdem mit Leuten, die wieder wie normale Menschen reden. Auch wenn das in der Idealvorstellung ohne rhetorische Schulung funktionieren sollte, sieht die Realität selbst im historischen Rückblick anders aus. Auch mächtige Politiker der Geschichte (siehe die Oscar-prämierten Filme über Margaret Thatcher und King George) ließen sich intensiv trainieren.

Aber in der Zwischenzeit muss irgendetwas passiert sein. Denn zumindest in Österreich klingen viele Politiker plötzlich wie Aliens. Da hilft nur: Coach wechseln oder neue Politiker suchen.

(kurier) Erstellt am
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