Martina Salomon

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Meinung Kommentare Salomonisch
05/04/2012

Geschichtsschreiber in eigener Sache

Martina Salomon über Namensänderungen und die Kunst der Geschichtsdeutung.

von Martina Salomon

Keine Frage: Karl Luegers antisemitische Ausfälle sind rückblickend erschreckend. Der extrem populäre und populistische christdemokratische Wiener Jahrhundertwende-Bürgermeister gehörte zu jenen, die den Boden für die spätere Judenverfolgung der Nazis aufbereiteten. Aber wäre es nicht dennoch klüger gewesen, dieses historische Unrecht in einer Gedenktafel am Karl-Lueger-Ring anzuprangern, anstatt seinen Namen aus dem Straßenverzeichnis zu löschen? Hätte man sich der Geschichte dadurch nicht sogar ehrlicher gestellt?

Muss dann nicht auch der Julius-Tandler-Platz verschwinden, weil der Sozialist (damals hieß das noch so) Tandler nicht nur als Vorreiter des Fürsorgewesens gilt, sondern auch die Vernichtung "unwerten Lebens" propagiert hat? Das Anschluss-Ja seines Parteikollegen Karl Renner im Jahr 1938 lassen wir jetzt beiseite. Klar ist jedenfalls, dass die politischen Nachfahren der beiden die Kunst, die Geschichte in ihrem Sinne zu deuten, besser beherrschen als die Nachfolger Luegers.

Noch sichtbarer wurde das vor eineinhalb Jahren, als der 100. Geburtstag von Josef Klaus und Bruno Kreisky (nacheinander Kanzler) begangen wurde. Die Veranstaltungen und huldigenden Medienberichte über den SPÖ-Politiker wollten gar kein Ende mehr nehmen. Die ÖVP hingegen vergaß beinahe, ihren langjährigen Spitzenpolitiker und Reformer zu feiern, der übrigens gegen den Willen der SPÖ ein Gesetz für die politische Unabhängigkeit des ORF zugelassen hatte. Nur in seinem Heimatland Salzburg gedachte die ÖVP ihres Ex-Kanzlers. Medienberichte? Gab’s nur spärlich.

Genauso ergeht es den lebenden Ex-Kanzlern von Rot und Schwarz. Am Ruhm der Ära Franz Vranitzky (EU-Beitritt, Bekenntnis zur österreichischen Mitschuld an Nazi-Untaten) martina.salomon@kurier.at

wird gearbeitet. Diskret wird dabei so manche Kante (etwa die unrühmliche Geschichte des CA-Verkaufs an die Bank Austria) weggeschliffen. Beim regelmäßig stattfindenden Vranitzky-Kolloquium diskutieren gescheite Menschen miteinander.

Nichts dergleichen geschieht für Wolfgang Schüssel. Wer in der Volkspartei würde ihn auch nur gegen Kritik verteidigen, geschweige denn seine Reformen (Abfertigung neu, Kindergeld, Pensionsreform, Restitution) loben?

Immerhin fuhr Schüssel bei der Nationalratswahl 2002 satte 42 Prozent ein. Jetzt grundelt die ÖVP bei unter 25 Prozent herum. Sein größter Fehler war, mit der erwiesenermaßen regierungsunfähigen FPÖ eine zweite Koalition einzugehen und die Machenschaften seines Finanzministers zu übersehen. Natürlich ist auch Schüssel selbst kühl-abweisend genug, um nicht wirklich zum Denkmal zu taugen.

Doch die Geschichte – wer gut, wer böse war – wird in Wahrheit erst im Rückblick geschrieben: Und da agiert die SPÖ um Lichtjahre geschickter als die ÖVP.

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