Tabus
02/13/2016

Eine offene Gesellschaft braucht keine Denkverbote

Jetzt geht es darum, unsere Errungenschaften als liberale Gesellschaft zu verteidigen, richtig? Aber halt, ist es damit wirklich so weit her?

von Martina Salomon

Wo bleibt der Aufschrei der üblicherweise Besorgten?

Dr. Martina Salomon | Tabus

Stolpern wir nicht gerade wieder – überspitzt formuliert – in die Zeiten der "Heilige Inquisition" zurück? Es sind nämlich reihenweise neue Denkverbote angesagt.

Etwa vergangenen Montag bei der Wintertagung des ökosozialen Forums, der größten Agrartagung Österreichs. Da waren eigentlich eh so ziemlich alle der 850 Anwesenden im Saal einer Meinung, dass Gentechnik und TTIP ganz, ganz pfui seien. Lediglich ein deutscher Professor wagte in einem Vortrag keck anzumerken, dass irgendwann einmal auch Deutschland und Österreich die grüne Gentechnik nicht mehr verteufeln werden. Weil sich damit unter anderem der Hunger in der Welt höchst wirkungsvoll bekämpfen ließe. Worauf sich eine Umweltaktivistin empört zu Wort meldete, warum die Veranstalter es gewagt hätten, jemanden einzuladen, der nicht die herrschenden Dogmen vertritt. Kontroverse nicht erwünscht?

Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei? Nicht doch! Es gibt kaum noch heimische Forscher, die unbekümmert in aller Öffentlichkeit Tabus zu brechen wagen.

Denkverbote können allerdings leicht zum Bumerang werden: Als – noch vor Kurzem – eine Wiener SPÖ-Stadträtin auf mögliche Probleme in islamischen Kindergärten angesprochen wurde, meinte sie nur spitz: "Also, ich hab’ keine Migrationsängste." Ende der Debatte. Probleme in der Stadt? Gibt’s nicht. Welch fundamentaler Irrtum.

Und wäre das Niveau der heimischen Faschingsgilden nicht ohnehin zum Weinen, hätte man es eigentlich als Witz empfunden müssen, dass sich diese heuer darauf eingeschworen hatten, die Flüchtlingskrise nicht zu thematisieren. Darf man daran erinnern, dass es nur in den schlimmsten Diktaturen verboten ist, sich über alles lustig zu machen? Selbst am Hofe absolutistisch regierender Herrscher gab es zu diesem Zweck Hofnarren, die – meist – ungestraft den hohen Herren die Wahrheit sagen durften.

In Wien werden von Direktorinnen jetzt sogar Theaterstücke abgesetzt, weil das Publikum sie missverstehen könnte. Zensur? Wo bleibt der Aufschrei der üblicherweise Besorgten?

Nur noch in den Keller lachen gehen darf man mittlerweile bei vielen Grün-Funktionärinnen. Puritanismus ist angesagt. Und ob Frau oder Mann (und dazwischen): Man spricht ausschließlich in der weiblichen Form. Das hat schon länger alle öffentlichen Bildungsdebatten infiziert. Die Rede ist nur noch von Lehrerinnen, Männer sind eliminiert. Dabei bräuchte, nebenbei bemerkt, gerade der Pädagogikbetrieb dringend mehr coole männliche Role Models, speziell für die vaterlosen Burschen. Aber ist es opportun, eine Männerquote zu fordern?

Die Denkver- und gebote werden täglich mehr. Dadurch wachsen übrigens auch ungesunde Aggressionen. Umwelt-, Ausländer-, Pensions-, Sozialpolitik, technischer Fortschritt: Vieles lässt sich schon lange nicht mehr sachlich debattieren. Das ist ein Witz, auch wenn man darüber nicht mehr lachen kann (und darf).

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