Integration
02/27/2016

Die Illusion von der Gleichheit

So kann die schleichend eingeführte Gesamtschule kein Erfolgsmodell werden.

von Martina Salomon

In Multikulti-Klassen besteht die Gefahr, dass am Ende alle ein furchtbares Kauderwelsch sprechen.

Dr. Martina Salomon | Integration

Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek hat kürzlich angekündigt, Noten (und "Durchfallen") in der Volksschule abzuschaffen. Das ist gut und schlecht. Gut, weil Noten oft gar nichts aussagen. Daher haben viele engagierte Pflichtschullehrer ihre Schüler schon seit Langem auch verbal beurteilt.

Böse betrachtet könnte man diese Reform aber auch als Eingeständnis des völligen bildungspolitischen Scheiterns sehen. Die Volksschule ist eine echte Gesamtschule, und diese erreicht seit Längerem ihre Bildungsziele in den Ballungszentren nicht. Wer dieses Modell eins zu eins (also halbtags, möglichst ohne Wiederholungen und ohne Leistungsgruppen) auf die weiterführenden Schulen umlegt, führt eine neue Mittelstandssteuer ein: Bildungswillige Menschen werden dann noch mehr als heute ins teure Privatschulwesen flüchten. Es steht zu befürchten, dass Kinder aus niedrigen Bildungsschichten dann neuerlich unter sich bleiben, wie das derzeit in vielen "neuen Mittelschulen" der Fall ist.

In solchen Klassen sind Lehrbücher Schall und Rauch. Da kennen 14-jährige Wiener Jugendliche nur einen einzigen Hofburg-Kandidaten (natürlich Richard Lugner) und haben keine Idee, wo sich die Ringstraße befinden könnte. (Lehrer/Autor Niki Glattauer beschreibt das treffend jeden Montag im KURIER).

Seltsamerweise glauben viele, dieses Problem ließe sich lösen, wenn man die Leistungsstärksten mit den Schwächsten mixt. Versuchen Sie das mal beim Sport: Wetten, dass sich dann fast alle am unteren Drittel des Spektrums orientieren und das Land keine Spitzenkräfte mehr produziert?

Multikulti-Kauderwelsch

Ein paar Thesen zum Elend der Schulpolitik: Lehrerinnen und Lehrer werden mit mannigfaltigen Integrationsaufgaben alleingelassen. So war es ein Fehler, die sonderpädagogischen Einrichtungen aufzulösen und auch schwer geistig Behinderte ins Regelschulwesen zu bringen. Das nutzt niemandem, auch nicht den Betroffenen.

Problematisch ist auch, Kinder ohne Deutschkenntnisse in "normale" Klassen zu verpflanzen. Das hat vor 40 Jahren wunderbar funktioniert, wenn ein tschechisches Flüchtlingskind in eine homogene Österreicherklasse kam. Heute besteht in Multikulti-Klassen die Gefahr, dass am Ende alle ein furchtbares Kauderwelsch sprechen und Neue nichts mitkriegen.

All jene, die seit Jahrzehnten die Gesamtschule fordern, haben außerdem erstaunlich wenig Energie in den flächendeckenden Ausbau der – verpflichtend – ganztägigen Schule gesteckt. Das eine funktioniert ohne das andere aber nicht. Und sie haben vor lauter Kampf mit der Lehrergewerkschaft das Image der Pädagogen ramponiert. Die guten leisten in unserer heutigen Gesellschaft Heroisches, schlechte können ganz viel kaputtmachen. Lösen wir uns auch endlich von der Illusion, dass alle Schüler gleich begabt sind, fördern wir (auch handwerklich!) Begabte mehr, stärken wir den Gründergeist. Und bitte lasst den Lehrplan im 21. Jahrhundert ankommen. Er muss elementare Grundkenntnisse des modernen Lebens vermitteln. Viele Kinder bekommen das in ihren Familien nicht mehr mit.

Die Gesamtschule, die man mit hohem Aufwand schleichend einführt, wird aufgrund der Gleichheits-Illusionen ihrer Propagandisten leider nicht den gewünschten Effekt haben.

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