über den Heiligen Abend
12/24/2016

Warum Weihnachten auch Heiden heilig ist

Nur noch jeder zehnte Gläubige sieht eine Kirche auch von innen. Am Heiligen Abend ist nicht nur das anders.

von Josef Votzi

Warum Weihnachten auch Heiden heilig ist.

Josef Votzi | über den Heiligen Abend

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan! Lasset das Zagen, verbannet die Klage, Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!" Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um nicht tief bewegt zu werden, wenn der Chor die erste Strophe des Weihnachtsoratoriums intoniert.

Johann Sebastian Bach hat es vor fast dreihundert Jahren für die sechs Gottesdienste zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem Dreikönigstag in Leipzig komponiert. Himmlische Gebrauchsmusik für die geistige Erbauung der Gläubigen, die im 18. Jahrhundert noch so gut wie geschlossen an jedem der Weihnachtsfeiertage in die Gotteshäuser strömten.

Heute wird das zeitlos bewegende Werk in den Advent- und Weihnachtstagen in Wochen zuvor ausverkauften Konzertsälen geboten und ist Dauerseller jedes Classic-Labels in der Musikindustrie.

Mit 60 Prozent ist der Katholizismus noch immer die dominierende Religion im Land. Die Mehrheit der fünf Millionen österreichischen Katholiken sieht aber bestenfalls an Weihnachten und Ostern ein Gotteshaus von innen. Die Weihnachtsmetten sind so mehr denn je die bestbesuchten Gottesdienste des Jahres. Davor und danach verdünnt sich die Anteilnahme am kirchlichen Leben immer mehr. Mittlerweile besucht nur noch knapp mehr als jeder zehnte Katholik abseits der Hochfeste eine Messe am "Tag des Herrn". In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger von 1,2 Millionen auf 605.000 halbiert.

Tiefe Sehnsucht nach (mehr) Zusammenhalt

Dem Feiern von Weihnachten verweigert sich aber konstant lediglich eine Minderheit. Geschenke und opulent gedeckte Tische gibt es bei fast allen; viele bewegt auch, was Musikgenies wie Johann Sebastian Bach perfekt ins Schwingen bringen: Eine tiefe Sehnsucht nach (mehr) Zusammenhalt; nach einer Überhöhung des banalen Alltags; nach Spiritualität und geistiger Nahrung.

Kinos und Theater bleiben am Heiligen Abend seit Jahrzehnten geschlossen. Auch wenn längst weitaus mehr Menschen regelmäßiger ins Kino als in eine Kirche gehen, gibt es dagegen weder Proteste noch eine ernsthafte Debatte. Die Mehrheit der Christen praktiziert Religion längst nicht mehr nach den Regeln ihrer Kirchen. Der "Heilige Abend" ist und bleibt aber selbst jenen heilig, die einst abfällig als "Heiden" firmierten, weil sie mit dem christlichen Glauben generell nichts am Hut haben.

Das Faszinosum Weihnachten ist und bleibt auch für viele von ihnen lebendig. Der heutige und die kommenden Tage bieten Gelegenheit, um in sich hineinzuhorchen, was das für das eigene Leben bedeutet – bald drei Jahrhunderte nachdem Bachs Weihnachtsoratorium erstmals in der Nikolai- und der Thomaskirche zu Leipzig erklang: Brich an, o schönes Morgenlicht, und laß den Himmel tagen! Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,weil dir die Engel sagen,daß dieses schwache Knäbelein soll unser Trost und Freude sein, dazu den Satan zwingen und letztlich Frieden bringen.

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