über (ver)öffentlich(t)e Aufregung
04/04/2015

Sturm im Wasserglas

Worüber (ver)öffentlich(t)e Aufregung ausbricht und worüber nicht, hat selten rationale Gründe: Drei Beispiele aus den vergangenen Tagen.

von Martina Salomon

Im medialen Dorf ist man gern geschlossen einer Meinung, immer der moralisch richtigen

Dr. Martina Salomon | über (ver)öffentlich(t)e Aufregung

Im medialen Dorf ist man gern geschlossen einer Meinung, immer der moralisch richtigen. So herrscht zum Beispiel Konsens, dass der "Volks-Rock’n’Roller" Andreas Gabalier eine schlimme Dumpfbacke und der linke Kapitalismuskritiker Jean Ziegler ein leuchtender Held ist.

Bei den nicht als Weltereignis geltenden Amadeus-Awards Sonntagabend hatte Gabalier gemeint, dass man sich "schon als Minderheit" fühle, wenn man "als Manderl auf ein Weiberl steht". Buhrufe. In einem Interview legte er noch ein Schäuferl nach: Er würde sich wünschen, dass die künftige Mutter seiner Kinder (nein, er sagte nicht Söhne) nicht "zu früh" wieder arbeiten gehe, weil das den Kindern gut tue.

PR-Strategie?

Na, mehr hat er nicht gebraucht. Was aber ist, wenn dahinter nur eine listige PR-Strategie steckt? Nach dem Motto: Sage etwas Schlichtes gegen den Mainstream des Twitter-Establishments, und drücke damit verlässlich den Empörungsknopf der Medien. Gabaliers Conchita-müde Fans und der "Krone"-Brachialkolumnist Jeannée lieben ihn dafür umso mehr. Alle anderen? Können ihm (fast) wurst sein.

Völlig umgekehrt verlief das Empörungsschema beim 80-jährigen Schweizer Autor Jean Ziegler. Der hatte im ORF-Talk "Stöckl" gemeint: "Spekulanten gehören aufgehängt. Punkt." Jetzt stelle man sich einmal vor, ein FPÖ-Politiker hätte gesagt: "Sozialbetrüger gehören aufgehängt." Zu Recht wäre der Aufschrei riesig. Aber hier? Nichts. Spekulanten, wer immer damit genau gemeint sind, sind eh allen unsympathisch, oder? Nur eine weithin unbekannte Partei erstattete Anzeige wegen Verhetzung.

Beide – Ziegler wie Gabalier – sind Entertainer auf ihre Art und Weise. Sie bedienen beide die Erwartungen ihrer Klientel. Und verkaufen mehr Platten und Bücher.

Wie leicht der Empörungshebel umzulegen ist, hat vergangene Woche auch die Presse vorgeführt: Der klassischen Schnitzelpanier drohe wegen der darin enthaltenen Allergene ein EU-Verbot: So lautete der glaubwürdig knochentrocken vorgetragene Aprilscherz.

Schnitzeljagd

Das erzeugte Herzrasen von Rechts bis Links, und der erwähnte Brachialkolumnist ließ in der (wahrscheinlich gerade noch umgeschriebenen) Kolumne das Wörtchen "Brüsseler EU-Vollkoffer" drinnen. Passt doch immer! Schließlich ist die "TTIP-Chlorhuhn-Gefahr" ja auch noch nicht gebannt.

Noch tiefer geht’s nur noch bei anonymen Postings im Netz zu. Könnte man die – auch von sozialen Medien schwer befeuerte – Wutbürgerei denn nicht endlich wieder ein bisschen versachlichen? Sie ist ja ohnehin oft nur künstlich.

Wenn Gabalier will, dass seine Frau eine Zeit lang bei den Kindern daheim bleibt – na und? Und dass er sich als Heterosexueller im Showbiz einsam fühlt, glauben wir ihm halt einfach nicht. Außerdem ist das so was von egal! Jean Ziegler wiederum würde es gut anstehen, sich für seinen unsäglichen Sager zu entschuldigen.

Und wer immer nur nach Anlässen sucht, um der EU eine zu "panieren", der nimmt in Kauf, dass man sich über ihn eben manchmal "zerbröselt".