Schluss mit den Ausreden!

Ein offener Brief an die österreichischen Frauen.

Hören wir doch auf, die Verantwortung für das eigene Leben an Männer, Firmen und Politik zu delegieren.

Dr. Martina Salomon | über die Frauen, ein offener Brief.

Liebe junge Frauen! Wer hindert euch im Jahr 2018 in einem Land wie Österreich daran, die Hälfte der Macht für euch zu reklamieren? In der Schule gibt es deutlich mehr Mädchen- als Burschenprogramme. Firmen können es sich immer weniger leisten, nur Männer in die Vorstandsetagen zu holen. Überall werden Mentoringprogramme angeboten und Frauennetzwerke gebildet. Eine rein männlich besetzte Podiumsdiskussion gilt als peinlicher Unfall. Ihr könnt Kinder und Karriere haben – oder nur eines von beiden (vier Betreuungsjahre pro Kind werden übrigens für die Pension angerechnet). Ihr müsst nicht zum Bundesheer/Zivildienst. Und man kann euch trotz des absurderweise unterschiedlichen ASVG-Pensionsrechts nicht früher in den Ruhestand drängen als Männer, weil das Altersdiskriminierung wäre.

Ja, es gibt noch immer Blockaden: Retro-Männer, die Frauen am Weiterkommen hindern, zu wenig ganztägige Schulen (und zu wenig Ferienbetreuung). Außerdem viel Familienarbeit (bis hin zur Pflege von Angehörigen), die bei den Frauen "hängen bleibt". Aber oft sind es auch Selbstblockaden: Ausbildungswege, die später mit weniger Einkommen verbunden sind; sich mit dem angebotenen Gehalt- oder Berufsmöglichkeiten zufriedengeben; sein Licht unter den Scheffel stellen; bei einer öffentlichen Debatte zum Beispiel lieber den Kollegen reden lassen, aus Angst, sich eine Blöße zu geben; eine Versorgungsehe eingehen, statt möglichst selbstständig zu sein; sich nicht um die (Ehe-)Finanzen kümmern; auf Dauer nur Teilzeit arbeiten, weil es bequemer ist. Hören wir doch auf, die Verantwortung für das eigene Leben an Männer, Firmen und Politik zu delegieren. Zur Gleichberechtigung gehört auch, sich zu holen, was man braucht, und nicht nur zu warten, bis es andere erledigen.

( kurier.at ) Erstellt am 08.03.2018