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07.11.2017

Pilz’ gefährliches Spiel mit einem Comeback

Rücktritt vom Rücktritt? Ohne restlose Aufklärung der Vorwürfe liefert er sich endgültig dem Boulevard aus.

Rücktritt vom Rücktritt? Ohne restlose Aufklärung der Vorwürfe liefert sich Pilz endgültig dem Boulevard aus.

Josef Votzi | über Pilz' gefährliches Spiel mit einem Comeback

Am Wochenende erlebten wir einen reumütigen Peter Pilz. "Ältere mächtige Männer" wie er hätten im Umgang mit Frauen noch viel zu lernen. An den von zwei Zeugen bestätigten Vorfall sexueller Belästigung könne er sich zwar nicht erinnern. Aber er habe keinen Grund, an deren Aussagen zu zweifeln. Das "mea culpa" des politischen Chefanklägers der Nation überraschte und bescherte ihm da und dort auch Lob.

Gestern erlebten wir jenen Pilz, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen. Kämpferisch und in der Pose "Allein gegen alle". Übers Wochenende sei ihm durch Recherchen klar geworden: Hinter den Enthüllungen gegen ihn steckten andere Parteien. Er habe "Frauen nie sexuell belästigt" und sei "sich nicht der geringsten Schuld bewusst".Wie denn? Was denn? Warum denn? "Mister U-Ausschuss" würde nach einer solchen Volte mit jedem anderen kurzen Prozess machen: "Vorgestern bat er dafür um Nachsicht; heute sagt er, das ist alles nur eine Kampagne gegen mich. Der Aufdecker der Nation hat als anlassiger Greifvogel seine Glaubwürdigkeit total verspielt."

Being not Peter Pilz könnte man ihm zugestehen: Der Mann ist in einer emotionalen Ausnahmesituation. Erst himmelhochjauchzend ob des Erfolgs seiner Liste. Dann zu Tode betrübt wegen der Vorwürfe aus seiner Grünen-Zeit. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung kann und wird wohl auch politisch motiviert sein. Die Grünen kommen, nach allem, was bisher am Tisch liegt, als Drahtzieher nur schwer infrage. Denn sie müssen sich jetzt zu Recht fragen lassen, warum sie zwar seine Mitarbeiterin versetzen, mit Pilz aber auch in die nächste Wahl ziehen wollten.

U-Ausschuss in eigener Sache

Das alles ändert nichts daran, dass es diese Vorwürfe gibt – und nachdem diese öffentlich wurden, ein neuer und möglicherweise schwerwiegenderer folgte. Es ist nicht die Aufgabe von Medien, in offenen Verfahren den Richter zu spielen. Das wird, falls Pilz seine Ankündigung wahr macht, doch noch zu klagen, die Justiz erledigen.

Der Instinktpolitiker hat es bislang geschafft, sowohl von Qualitätsmedien als auch vom Boulevard hofiert zu werden. In seinem rot-grünen Heimat-Milieu ist er nach den Vorwürfen sexueller Belästigung unten durch. Auf den Leserbrief-Seiten und in den Postings des Boulevards werden diese aber als lässliche Sünden abgetan. Hier dominieren Verschwörungstheorien: Das "System" würde alles tun, um die Galionsfigur einer neuen Partei mundtot zu machen. Eine Botschaft, die wer, wenn nicht Peter Pilz, liebend gerne hört und nun in eigener Sache befeuert.

Sein Rücktritt vom Rücktritt ist so seit gestern wahrscheinlicher geworden – nicht morgen oder übermorgen, aber vielleicht im Laufe der nächsten Monate.

Garantierten Applaus dafür wird es nur noch vom Boulevard geben. Es sei denn, Pilz gelingt es noch – jenseits aller Verschwörungstheorien –, das nicht nur für seine Wähler neue Image als "anlassiger Greifvogel" in einer Art privatem U-Ausschuss glaubwürdig aus der Welt zu schaffen. Das wäre aber mehr als ein politisches Wunder.