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05.11.2017

Pilz, der andere Haider

Der Fall Pilz soll dazu führen, dass endlich Schluss ist mit dem Missbrauch durch sexuelle Gewalt oder Macht.

Der Fall Pilz soll dazu führen, dass endlich Schluss ist mit dem Missbrauch durch sexuelle Gewalt oder Macht.

Dr. Helmut Brandstätter | über sexuelle Belästigung

Am Tag, als SPÖ-Klubchef Andreas Schieder andeutete, man könne über eine Kandidatur von Peter Pilz auf der SPÖ-Liste nachdenken, meinte eine ehemalige SPÖ-Politikerin im kleinen Kreis: "Wenn der zu uns kommt, wähle ich nie wieder SPÖ." Pilz war als Politiker anerkannt und angefeindet, gefürchtet und dann wieder geschätzt. Viele, die den zunächst sozialistischen und dann trotzkistischen Studentenfunktionär kannten oder später länger mit ihm zusammenarbeiten mussten, haben jedenfalls unter seiner Egomanie gelitten. Aber auch seine vielen Gegner müssen anerkennen: Ohne ihn wäre so mancher Skandal in Österreich nicht aufgedeckt worden.

Das profil brachte vor 25 Jahren, als Pilz Chef der Grünen wurde, ein Cover mit "Pilz als besserer Haider." Er wollte eine breite, populistische Sammelbewegung aufbauen, wobei ihm die Grünen nicht folgten. Pilz wurde zum geduldeten Einzelkämpfer, unter dem nicht wenige bei den Grünen litten. Heute wirkt dieses Titelblatt geradezu prophetisch: So wie Haider war Pilz ein politisches Ausnahmetalent, so wie Haider kannte er nur sich selbst und so wie Haider hat er am Ende alles, was er aufgebaut hat, zerstört. Die Grünen, die ohne sein Justament-Antreten heute im Parlament wären, hat er ebenso kaputt gemacht wie jetzt seine eigene Bewegung, die nun ein Stronach-artiges Dasein im Parlament fristen wird – fünf Jahre sinnlose Einsamkeit.

Wobei der Rücktritt unausweichlich war. Die Vorwürfe von Alpbach im Jahr 2013 sind offenbar gut belegt, was im grünen Klub wirklich vorgefallen ist, werden Gerichte klären. Warum die Grünen das nicht vor der Wahl klären konnten, das bleibt vorerst im Dunkeln.

Ein Nein ist ein Nein. Punkt.

Gut ist, dass durch den Fall Pilz völlig klar ist: Sexuelle Belästigung ist in jedem Fall untragbar. Der neue Paragraf 218 bestraft richtigerweise denjenigen, "der jemanden durch Berührung in der Geschlechtssphäre in der Würde verletzt" hat. Genau so untragbar ist Machtmissbrauch, wenn sexuelle Handlungen verlangt werden. Da geht es eben um Macht, nicht um Sex, darunter haben Frauen, auch in Österreich, zu lange gelitten. Da geht es um "das subjektive Empfinden der Betroffenen", wie die Autorin Angelika Hager im KURIER-Gespräch sagt. Das müssen manchen Männer offenbar noch lernen.

Frauen, die belästigt wurden, sollen das bitte sagen. Nicht sie müssen sich schämen, sondern die Täter. Wenn klar ist, dass Mann damit nicht mehr durchkommt, wird sich das aufhören. Und wenn in den Unternehmen konsequent agiert wird. Auch bei den Grünen hätte es früher eine Diskussion darüber geben müssen. Das gilt auch für das Gratis-Medienhaus, wo häufig geklagt wird, leider nicht beim Staatsanwalt, sondern nur intern. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, hoffentlich nicht für Heuchler.

Noch eines: Viele Männer haben sich des sexuellen und/oder Machtmissbrauchs schuldig gemacht, aber sicher nicht alle. Jeder Generalverdacht ist unzulässig.