über die Elektronische Gesundheitsakte
03/02/2014

Hysterie um ELGA wird gefährlich krank

Rascher Zugriff auf Gesundheitsdaten ist überlebenswichtig. Dennoch droht ELGA ein Zwentendorf-Schicksal.

von Josef Votzi

DIe Hysterie um ELGA wird gefährlich krank.

Josef Votzi | über die Elektronische Gesundheitsakte

Es ist eine Geschichte, wie sie der Alltag schreibt: Eine ältere Dame weilt bei den Schwiegerkindern in Wien, erkrankt und kann nicht zum Arzt, um ein vergessenes, aber dringend nötiges Medikament zu erhalten. Was tun? Mit der eCard der bettlägrigen Patientin checkt der Hausarzt der Schwiegerkinder bei der Krankenkasse ein und sieht, dass das gewünschte Rezept regelmäßig verschrieben wird. Daten-Operation gelungen, Patient lebt auf. Gute Nachrichten wie diese macht das digitale Zeitalter schon heute möglich. ELGA, die Elektronische Gesundheits-Akte, soll einen Quantensprung bringen. Wenn Patient und Arzt es wollen (und nur dann), kann jeder Mediziner die medizinische Lebensgeschichte des Patienten hochladen.

Wer erinnert sich nicht an den quälenden Moment, wenn der Arzt fragt, welche Medikamente man nehme, was das letzte Blutbild ergab und wo die jüngsten Computertomografie-Bilder sind. Doppel-Medikationen erzeugen unnötige Kosten; Mehrfachbefundungen gehen, sobald teure Diagnose-Geräte ins Spiel kommen, richtig ins Geld, und falsche Arznei-Kombinationen können lebensgefährlich werden. Was diagnostiziert ist, kann bei Wechsel des Arztes oder ins Krankenhaus nicht mehr verloren gehen. Bei einem Unfall können ELGA-Daten überlebenswichtig werden: Blutgruppe, Vorerkrankungen und Medikationen. Gute Aussichten für Gesunde und Kranke also , so weit das Auge reicht.

Daten-Missbrauch auf Knopfdruck abstellbar

Und dennoch geht die Angst vor der schönen neuen Gesundheitswelt um: Weiß jetzt bald jedermann über jedermanns Wehwehchen? Muss man nun fürchten, dass der neue Chef über das Burn-out in der alten Firma Bescheid bekommt? Geht es nach immer mehr besorgten Österreichern, soll ELGA gar nicht erst richtig ins Laufen kommen. 140.000 haben sich das Abmelde-Formular schicken lassen, 60.000 bereits unterschrieben. Jetzt sollen auch noch die Ärzte ihre Patienten dazu aktiv ermuntern (siehe Bericht rechts). Ein zentraler Einwand der Mediziner verdient in der Tat aber mehr Beachtung: ELGA ist nicht benutzerfreundlich und kostet viel Zeit. Zudem fürchten die Ärzte, nach mühselig zeitraubender Daten-Durchsicht auch noch häufiger für Fehler in die Haftung genommen zu werden.

Gesundheitsminister Alois Stöger hat viel Arbeit vor sich, wenn ELGA nicht zum Zwentendorf der Krankenkassen werden soll. Er muss Ärzte und Patienten ins Boot holen und aus ELGA das machen, wofür es beste genetische Anlagen hat: Ein Win-win-Projekt für gesündere Menschen und Kassen. Dass auch der befürchtete Datenmissbrauch erfolgreich abgestellt werden kann, beweist EKIS. Das Datenfahndungsnetz erlaubt Polizei und Justiz, Vorstrafen auf Knopfdruck abzurufen. Zum Start hagelte es Missbrauchs-Skandale. Seit jeder Benutzer mit Namen und Datum Spuren hinterlassen muss, läuft EKIS wie am Schnürchen. Eine Zukunft, die ELGA für alle bescholtenen und unbescholtenen Steuerzahler zu wünschen ist.