über die Macht der Konsumenten
02/23/2013

Konsumenten haben Macht

Im Essen ist der Wurm drin – nein, das Pferd. Hoffen wir auf vernünftige statt irrationale Konsequenzen.

von Martina Salomon

Die Lebensmittelaffäre hat auch ihr Gutes.

Dr. Martina Salomon | über die Macht der Konsumenten

Achtung, Ihre Lasagne ist weiter gereist als Sie! In Kärntner Wurst ist, logisch, ein „Gauleiter“ versteckt. Und manche vermuten jetzt Seepferdchen in Fischstäbchen. An Späßchen zum Lebensmittelskandal mangelt es derzeit nicht. Fleisch ist sozusagen in aller Munde – und es ist anzunehmen, dass auch in nächster Zeit noch neue falsch deklarierte Ware auftaucht. Was bei authentischen Kärntner Würsteln mehr schmerzt als bei denaturierten Billig-Fertiggerichten.

Doch die Affäre hat auch ihr Gutes: Die betroffenen Lebensmittel sind (ganz im Gegensatz zum seinerzeitigen Listerien-Quargel und den EHEC auslösenden Bio-Sojasprossen) Gott sei Dank nicht lebensgefährlich, ja nicht einmal gesundheitsgefährdend. Edle Salami enthält übrigens häufig Pferde- und Eselsfleisch. Allerdings erstens (hoffentlich) gekennzeichnet und zweitens von Zucht, die für die Lebensmittelherstellung gedacht war.

Das nicht deklarierte Pferdefleisch, das über verschlungene Wege zu uns gelangte, löst eine überfällige Diskussion über den Wert von Nahrung aus. Woher kommen die Zutaten eines Produkts? Haben die Hersteller faire Preise erhalten? Wie wurde mit den Tieren umgegangen, die leben, um von uns gegessen zu werden? Wie ist der ökologische „Fußabdruck“ von Wurst? Wie viele Transitkilometer erzeugen Tortelloni, Lasagne & Co? Bieder, aber wahr: Kartoffeln mit Butter statt Fertigmenüs sind besser und billiger. Keine Gesellschaft der letzten 200 Jahre verfügte über mehr Freizeit, kauft so viele Kochbücher, investiert in schicke (Schau-)Küchen und verwendet so wenig Zeit und Geld (in Prozent vom Haushaltseinkommen) für die Essens-Zubereitung.

Essen als pure Ideologie

Zu den vernünftigen Fragen gesellen sich mittlerweile auch irrationale. Müssen wir unsere Grenzen wieder dichtmachen und nur mehr vom Eigenproduzierten aus der Region leben? Solche Entwicklungen haben in der jüngeren Geschichte immer katastrophale Folgen gehabt. Handelshemmnisse für die heimische Wirtschaft, die vom Export lebt, bedeuten Wohlstandsverlust. Freier Waren- und Dienstleistungsverkehr ist die Kern-Idee der EU, und Österreich ist damit bisher gut gefahren.

In und um Lebensmittel lässt sich perfekt Ideologie verpacken. Die SPÖ will eine Kennzeichnung von Waren aus israelischen Siedlergebieten, um solche Produkte gezielt boykottieren zu können. Angesichts der österreichischen Geschichte (Stichwort: „Kauft nicht bei Juden“) und dem Import von Waren aus weitaus problematischeren Regionen ist das allerdings eher jenseitig.

Trotz so seltsamer Nebenschauplätze ist es gut, wenn die Konsumenten-Sinne geschärft werden. Sie haben Macht. Niemetz bescheren sie gerade ein „Bomben“-Geschäft, Amazon hingegen wird mittels Netz-Boykott zu besseren Arbeitsbedingungen gezwungen. Und der Telekom könnten sie nach dieser Gerichtswoche getrost zu einem neuen Werbespruch raten: „Falsch verbunden? Wurst – nehmt euch ein (Geld-)Packerl.“

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