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09.04.2017

Grüne – ein Heer der namenlosen Jasager?

Der interne Kleinkrieg macht in Cinemascope sichtbar: Die grüne Bewegung a. D. droht an Erstarrung zu ersticken.

Der interne Kleinkrieg macht grossflächig sichtbar: Die grüne Bewegung droht an Erstarrung zu ersticken.

Josef Votzi | über den Streit zwischen Jung- und Allt-Grünen

Am Anfang war das "Nein zu Atomkraft" – "Nein zu Hainburg". Blockaden, Proteste und außerparlamentarische Opposition waren in. 1986 wurde die grüne Bewegung im Hohen Haus sesshaft. Anfangs als Exoten belächelt, später gefürchtet – und heute? Grüne sitzen in sechs Bundesländern als Landesräte mit am Regierungstisch. Die Killerphrase "Außen grün, innen rot" zieht nicht mehr: Die Ökos sind heute mehrheitlich unauffällige Partner in schwarz-grünen Bündnissen.

Auch Eva Glawischnig stieg als Aktivistin (bei Global 2000) von außen in die Politik ein. Heute steht sie als Parteichefin vor einem Scherbenhaufen, den sie und ihre wenigen Vertrauten selbst angerichtet haben. Der Anlassfall ist lächerlich: Die Jungen Grünen unterstützen eine Splittergruppe, die bei der ÖH-Wahl gegen die etablierten Grün & Alternativen Studenten-innen (GRAS) antreten will. Ein Machtspiel in der Sandkiste, das andere mit zeitweiliger Suspendierung der Beziehungen erwidern. Eva Glawischnig griff zu drakonischen Strafen: Parteiausschluss und sofortige Geld- und Kontaktsperre.

Die Reaktion ist entsprechend ernst: Die Jungen Grünen sind mit 4000 Mitgliedern die größte Gruppe bei den Ökos. Ohne sie säße heute Norbert Hofer in der Hofburg. Nicht nur die Landesgrünen, die 2018 Wahlen vor sich haben, ignorieren so den Bannfluch aus Wien. Aus dem Generationenstreit wurde so eine einmalige Führungskrise. Diese legt – frei nach Michael Häupl – den tristen Alltag im grünen Wohnzimmer nun am Balkon offen. Seit Tagen wird öffentlich gestritten, wer wen "paranoid" findet.

Wo sind die Wabls & Langthalers von heute?

Der für Außenstehende rätselhafte Kleinkrieg macht in Cinemascope sichtbar: Im grünen Wohnzimmer war einst Platz für bunte und widersprüchliche Leitfiguren wie Freda Meissner-Blau, Andreas Wabl, Monika Langthaler, Johannes Voggenhuber oder – last, but not least – Alexander van der Bellen. Heute will eine schmale Riege um Glawischnig allein das Sagen haben – umgeben von einem Heer der Namenlosen. Der einzige Grüne, der abseits der grünen Nomenklatura fast täglich von sich reden machte, ist der letzte Abgeordnete der ersten Stunde: Peter Pilz. Intern gab es dafür freilich statt Applaus nur üble Nachrede: Pilz wolle nur seine Wiederwahl retten.

Der älteste Grüne und die frechen Jung-Grünen haben eines gemeinsam: Sie legen mit ihrem Agieren unausgesprochen den Finger auf eine offene Wunde. In der grünen Bewegung a. D. hat sich eine Generation von Funktionären breitgemacht, denen Ruhe über alles geht. Erstarrung und Eigenbrötelei sind für jede Partei lebensbedrohlich. Für Eva Glawischnig kommt die Gefahr freilich von unten. Sie rechtfertigt den Rauswurf der Jungen Grünen damit, dass einer ihrer Vertreter provokant meinte: "Die Grünen müssen auf den Kopf gestellt werden, auch wenn sie das nicht überleben." Nicht nur Au-Besetzer von gestern schütteln ob der Panik-Reaktion der Alt-Grünen den Kopf.

Die Frage stellt sich dieser Tage längst umgekehrt: Wie werden die Grünen überleben, wenn sie ihr erstarrtes Innenleben nicht bald auf den Kopf stellen?