über Papst Franziskus
01/24/2015

Die unlustige Realität hinter dem lustigen Papst

Franziskus’ Sprüche stehen im krassen Kontrast zu den weichgespülten Aussagen heimischer Bischöfe.

von Martina Salomon

Franziskus’ Sprüche stehen im krassen Kontrast zu den weichgespülten Aussagen heimischer Bischöfe

Dr. Martina Salomon | über Papst Franziskus

Dieser Papst bringt etwas in die katholische Kirche zurück, das man lange vermisste: Spontaneität und Humor. In der österreichischen Amtskirche hat man ja immer das Gefühl, dass maximale Ernsthaftigkeit, gepaart mit Schuldbewusstsein oberstes Gebot ist. In Lateinamerika hingegen dürfen auch Kirchenvertreter (halb-)lustig sein. Aber zwischen der Lockerheit des Papstes und den restlichen Vatikan-Vertretern klafft eine tiefe Kluft.

Der nun aus Altersgründen zurückgetretene steirische Diözesanbischof Egon Kapellari war einer der wenigen, der den Dialog suchte und damit weit über die intellektuellen Kreise in der Steiermark hinauswirkte.

Das einzige Thema, wofür sich die heimische katholische Kirche derzeit offen engagiert, ist das Fortpflanzungsmedizingesetz. Ethisch betrachtet muss man eine Selektion von Embryonen natürlich bekämpfen. Aber wer die Präimplantationsdiagnostik für Eltern mit genetischem Risiko ablehnt (nur gesunde Embryonen werden in den Mutterleib eingesetzt), muss in der gelebten Praxis mit Spätabtreibungen behinderter Babys rechnen. Das ist ja wohl weitaus schlimmer!

Mehr Vatikan-Berater als oberster Hirte

Rund um die jüngsten Anschläge und die Vertreibung der Christen aus dem Orient hörte man hingegen kaum klare Worte. Die katholische Kirche verhält sich so still, als wäre es ihr selbst peinlich. Die theoretische Ökumene lebt – sonst aber nicht viel. So tritt auch der Wiener Kardinal Schönborn mehr als Vatikan-Berater denn als oberster Hirte auf. Die Angst vieler Bischöfe, irgendwo anzuecken, führt zu weichgespülter Aussagelosigkeit, die die Rest-Katholiken ratlos zurücklässt. Folge: Die Zahl der Gläubigen sinkt ebenso wie die Zahl regelmäßiger Gottesdienstbesucher.

Dabei könnte die katholische Kirche nach 200 Jahren Aufklärung selbstbewusster auftreten. Stattdessen verharrt sie in der „Bitte haut uns nicht“-Defensivhaltung und überlässt die Kommunikation den Nichtregierungsorganisationen wie der Caritas. Das beschränkt sich dann auf die üblichen Armutsdiskussionen. Angesichts deutlich vitalerer muslimischer Glaubensgemeinschaften könnte man fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, den christlichen Wertekanon wieder zu stärken. Weil das Teil unserer Identität und Geschichte ist. Aber dazu hat die Kirche längst keine Kraft und Glaubwürdigkeit mehr. Sie gibt sich gleichwertig mit allen anderen Religionsgemeinschaften. Aber wird das umgekehrt auch so gesehen? Niemals.

Vielleicht liegt die Schreckstarre der Kirche auch daran, dass man als Folge des islamistischen Terrors die Abschaffung des Blasphemieparagrafen und eine weitaus härtere Debatte als bisher über eine wirkliche Trennung von Kirche und Staat befürchtet. Beides wäre nur logisch und hätte folgerichtig einen allgemeinen Ethik- statt des Religionsunterrichts zur Folge. Erst dann werden die Kirchenvertreter aufwachen. Aber es wird egal sein – weil sie es schon lange vorher aufgegeben haben, sich Gehör zu verschaffen. Auch im Vatikan werden die beharrenden Kräfte wohl wieder Oberhand gewinnen. Viele in der Vatikan-Bürokratie sind mittlerweile über ihren leutseligen Chef , der auch interne Probleme anspricht, „not amused“.

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