über das Verhältnis zu Putin
03/22/2014

Wo und wie wollen die Menschen leben?

Diejenigen Russen, die es sich leisten können, leben irgendwo im Westen. Und genießen unsere Freiheit.

von Helmut Brandstätter

Jetzt kommt es auf das Geschick der Europäer an.

Dr. Helmut Brandstätter | über das Verhältnis zu Putin

In den 1960er-Jahren, als die Studentenrevolte das westliche Gesellschaftssystem infrage stellte, riefen Konservative den Demonstranten zu: "Geht doch hinüber, wenn’s euch hier nicht passt." Das war natürlich nicht sehr intelligent. Denn die 68er wollten ja nicht den Kommunismus imitieren, der "Drüben" in der DDR real existierte, sondern die Gesellschaft, in der sie lebten, radikal reformieren.

Insoferne bringt es auch heute nichts, die Putin-Versteher und Putin-Verehrer, die einen neuen Helden gefunden haben, nach Moskau zu schicken. Aber sie sollten sich schon einmal überlegen, welche soziale Ordnung der autokratisch regierende russische Präsident geschaffen hat. Der Blogger Alexej Nawalny wird für seine Kritik an Putin bedroht, die Watergate-Aufdecker Woodward und Bernstein stürzten Präsident Nixon und bekamen den Pulitzer-Preis. Dieser Unterschied macht die Überlegenheit des freiheitlichen System aus. Kein Wunder, dass sich die Oligarchen um Putin scharen und gleichzeitig ihren Reichtum im Westen absichern, sie wollen ja nicht wie Chodorkowksi viele Jahre im Gefängnis landen. Übrigens: Wo hat Putin wohl seine Konten?

Der westliche Lebensstil ist ein Vorbild

Der momentane Genuss der Macht kann aber nicht die tiefe Unsicherheit überdecken, die über der russischen Führung schwebt. Wladimir Putin hat in seiner Rede am Dienstag davon gesprochen, dass der Westen seit Jahrhunderten die Eindämmung Russlands betreibe. Das ist historisch falsch. Eher nachvollziehbar war dieser Satz: "Nach dem Verschwinden des bipolaren Systems kam es auf dem Planeten nicht zu mehr Stabilität." Das heißt aus Putins Sicht: Die Menschheit lebt nur dann sicher, wenn Russland wieder Weltmacht ist.

Der Westen hat unterschätzt, dass sich Russland gar nicht so stark fühlt und sich schon durch das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU bedroht sah. Dieses hätte diplomatisch ganz anders vorbereitet werden müssen. Jetzt muss Brüssel mit Moskau und Kiew ganz ruhig über wirtschaftliche Kooperationen verhandeln. Sanktionen sind nur eine ultimative Drohung, sollte Putin mit der Krim noch nicht gesättigt sein.

Auch wenn es die EU-Hasser so schwer akzeptieren können: Das europäische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist genau das, was die Mehrheit in der Ukraine wollte. Sie verzweifelte am russophilen Präsidenten Janukowitsch, der die Tür zum Westen zuschlug. Er selbst hat überall die Hand aufgehalten, um stillosen Luxus demonstrieren zu können, seinem Volk hat er die Vorteile einer EU- Zusammenarbeit nicht gegönnt.

Jetzt kommt es auf das Geschick der Europäer an. Sie müssen einig auftreten, was nicht einfach ist. Polen und Balten fürchten mit ihrer Geschichte den großen Nachbarn, die Deutschen wollen den Handel mit Russland nicht zu stark beeinträchtigen. Die Europäer müssen der Öffentlichkeit in Russland zeigen, wie unser Wohlstand funktioniert, ohne Putin dabei Angst zu machen.

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