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11.11.2016

Donald Trump und das schwarze Loch

Der überraschende Ausgang der US-Präsidentenwahl bringt wieder erhebliche Schwächen der EU ans Licht.

Willkommen am Tag Zwei der neuen politischen Zeitrechnung in den USA. Donald Trump also. Die Schockwellen über den überraschenden Wahlsieg des streitbaren New Yorker Immobilientycoons haben sich noch nicht gelegt, da macht sich jenseits des Atlantiks, in Europa, vor allem ein Gefühl breit: Ratlosigkeit.

Was will der neue Präsident? Was kann/darf/muss die Europäische Union von den USA, ihrem wichtigsten wirtschaftlichen und militärischen Partner, erwarten? Wird der leicht erzürnbare Trump sein Wahlkampfversprechen wahrmachen und Amerikas Treue zur NATO zur Disposition stellen? Wird er sich mit dem Kremlherrn Putin "verkumpeln" – und darob die Ängste Osteuropas vor einem militärisch knurrenden Russland vergessen? Oder wird er sich, wie er gelobt hatte, aus bestehenden Handelsverträgen zurückziehen?

Niemand weiß es. Vielleicht noch nicht einmal der 70-jährige Bald-Präsident selbst.

Dass sich so manches aus dem Reich der Trump-Fantasien stammende Wahlzuckerl nicht umsetzen lassen wird, liegt auf der Hand. Stichwort: Mauer an der Grenze zu Mexiko, für die Mexiko auch noch selber zahlen soll. Und so manch anderes Trump’sche Versprechen wird wiederum schlicht am Widerstand der eigenen Parteikollegen im sparwütigen, konservativen Kongress scheitern. Was aber geht, was nicht geht und was droht, wird sich nur herausfinden lassen, wenn man mit dem nächsten Präsidenten der USA oder zumindest dessen engstem Team einmal Kontakt aufnimmt. Das ist bisher von Europa aus noch keinem Politiker oder Diplomaten gelungen – weiter als bis zu Trumps Schwiegersohn drang noch keiner vor. Donald Trump – aus europäischer Sicht ein unbeschriebenes weißes Blatt, seine Pläne – ein riesiges schwarzes Loch.

Eine gemeinsame europäische Antwort

Was aber noch lange nicht heißen sollte, in Panik zu verfallen. Im Gegenteil. Einmal mehr ist die Trump-Dämmerung in den USA eine Mahnung an Europa, sich nach innen zu stärken, sich seiner eigenen Möglichkeiten zu besinnen und Geschlossenheit zu zeigen.

Die Herausforderungen für die EU sind ja nicht weniger geworden. Von der Flüchtlingsfrage bis zum bevorstehenden Brexit. Vom schwierigen Riesen Russland bis zur in Richtung Diktatur marschierenden Türkei. Und nun ausgerechnet die verbündeten USA, die uns mit einem Präsidenten Trump angesichts all dieser Probleme uns selbst überlassen könnten?

Höchste Zeit also, uns selbst ernst genug zu nehmen und an einem gemeinsamen europäischen Strang zu ziehen. Nicht gegen die USA, aber, wenn es denn nicht anders gehen sollte, notfalls auch ohne sie. Eine gemeinsame europäische Außenpolitik; die bisher immer nur halbherzig geforderte gemeinsame europäische Armee; eine gemeinsame Verteidigung – wann, wenn nicht jetzt?