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09.01.2013

In der Krise erwacht der Nationalismus

Auch in Nordirland war der Hass zwischen den Volksgruppen nur von einer dünnen Schicht Wohlstand verdeckt.

Viele Menschen fühlen sich im Regionalismus zu Hause.

Mag. Konrad Kramar | über die Eskalation in Nordirland

Eine Flagge auf einem Rathaus, das genügt, um die Wut Tausender hochkochen zu lassen, um den mühsam ausverhandelten Frieden in Nordirland ernsthaft zu gefährden. Deutlicher kann man nicht machen, wie dünn das Eis dieses Friedens ist, wie weit voneinander entfernt die Volksgruppen in der Unruheprovinz noch sind.

Europa wird in der Krise vor traurige Tatsachen gestellt: Hass und Vorurteile, Nationalismus und Chauvinismus sterben nicht in einer, nicht in zwei Generationen aus. Sie werden weitervererbt. Allen Phrasen vom einigen Europa zum Trotz ziehen sich die Menschen wieder in exakt die Bevölkerungsgruppen zurück, zwischen denen der Nationalismus des 19. Jahrhunderts einst brutal die Grenzen zog. Europas Wohlstand, von dem Nordirland immer nur am Rande berührt wurde, hat diese Probleme nur zugedeckt, hat die Menschen abgelenkt, sie aber nicht vergessen lassen. Eine Identität als Europäer, wie sie uns viele Politiker so gerne anerziehen würden, ist kein Gegenrezept. Viele Menschen fühlen sich im Regionalismus zu Hause. Erst wenn wir lernen, den ohne Abgrenzung, ohne Feindseligkeiten und armselige Überheblichkeit zu leben, wird Europa die Gräben des Nationalismus überwinden.