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05.12.2011

wunder WELT: Donau-Enten

Joachim Lottmann über eine kulinarische Begegnung auf der Donauinsel.

Seltsam: Gerade hatten wir uns beim Herbstspaziergang auf der Donauinsel über Donauenten unterhalten, als uns eine chinesische Familie entgegenkam. Wir hatten nämlich überlegt, ob man Donauenten auch essen könne. Zum Beispiel in einem der vielen China-Restaurants. Diese Chinesen - es waren zwei kleine, ältere, lebenslustige Frauen und drei süße, zwitschernde Kinder mit Ponyfrisuren - trugen eine Tüte mit toten Enten bei sich. Ziemlich viele Enten. Einige Hälse baumelten traurig heraus. Die Frauen erschraken und hatten ein erkennbar schlechtes Gewissen. Ich fragte nun die Maria, warum diese herzlosen Leute auch noch die Kinder bei der grausigen Tat mitgenommen hatten. "Vielleicht mussten sie die Enten füttern und aus dem Wasser locken?" -"Und sie dann würgen? Bis der Tod eintrat?!" Wie bringt man Enten um? Ist das in China üblich und somit für Chinesen leicht zu bewerkstelligen? Kannten das die Kinder schon? Waren sie deshalb so heiter? Einen anderen Grund konnte ich nicht entdecken. Denn das Novemberwetter war abscheulich: nass, kalt, dunkel, windig. Selbst den sprichwörtlichen Hund hätte man nicht vor die Tür gejagt. Außer den fünf kleinen Menschen sahen wir niemanden. Und die sahen in uns nun Zeugen für ihre Küchenpläne. In Österreich kann man nicht einmal eine Garnele ohne entsprechende dienstliche Genehmigung aus der Donau fischen. Schon gar nicht Peking ..., äh, Donauenten. Aber bin ich als Deutscher dafür zuständig? Nun, EU-Recht gilt für beide Länder. Ich sagte es der Maria. Diese aber ist eine kluge Frau und hat auch einen akademischen Grad. "Die haben doch nur Hunger. Sie sind nicht anders als wir. Sie essen Tiere, genau wie du. Du isst Schweine und Rinder. Sie mögen halt Donauenten lieber." Wir gingen weiter, und ich nickte den plötzlich wieder ganz sympathischen Mitbürgern wohlwollend zu.joachim.lottmann(at)kurier.at