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27.01.2012

wunder WELT: Damen-Unterwäsche

Joachim Lottmann über die Nachfrage nach Erotik-Utensilien.

Für einen Deutschen verblüffend: In der Wiener Innenstadt scheint jedes zweite Geschäft eines für Damen-Unterwäsche zu sein. Gefühlt alle zwanzig Meter überrumpelt einen das unerschöpfliche Angebot animierender Dessous, ausgestellt und getragen von verruchten jungen Sex-Puppen. Die Nachfrage nach diesen Erotik-Utensilien muss gewaltig sein. Im Schaufenster in der Kärntner Straße hockt so eine Rattenscharfe im SM-Style hinter einer Käfigwand. Sind ihre Gesichtszüge auch abweisend, so hat die auf den nackten Körper gespannte hauchdünne Tigerhaut doch etwas Anziehendes. Jedenfalls drücken sich alle möglichen Frauen der Altersgruppe 40 plus die Nasen an der Scheibe platt. Und genauso ist es bei allen anderen Lingerie-Läden, die noch kommen. Und sind alle Marken durch, kommen weitere Filialen derselben Ketten. Hundehalsband, rote Krallen, Katzenblick, schwarze Gürtel, endlose High Heels: Immer werden die Millionen ununterscheidbaren winzigen BHs und Slips im porn style präsentiert. Und im Inneren der Geschäfte folgen weitere Millionen dieser lächerlichen Produkte, aufgereiht auf dünnen Silberstangen. Und man verkauft nichts sonst, keine festen Nachthemden, robusten Unterhosen, wärmenden Bademäntel. Die österreichische Frau will nur diesen Quatsch, diese Millimeter-Artikel. Ich sehe ältliche Studentinnen mit Brille vor den Auslagen stehen, wohlgenährte Damen im Pelz, lustige Shopping-Ladys aus dem Burgenland, alleinstehende Stiefelfrauen mit Karriere-Stress: Sie alle versprechen sich mehr Attraktivität im Bett durch die Investition in Reizwäsche. Ich stampfe mit dem Fuß auf, höre mich murmeln: "Verlottert und verludert sind sie alle, die hier aus- und eingehen!" Jössas! Das darf man doch nicht einmal DENKEN! Erschrocken sehe ich mich um. Eine stämmige Landfrau steht hinter mir. Sie will in den Laden. Ich zwinkere ihr aufmunternd zu.

joachim.lottmann(at)kurier.at