über das Wetter
02/23/2013

Wettergesicht

von Ernst Molden

Der falsche Frühling ist natürlich auch vergangen. Das war natürlich alles eine Lüge.

Ernst Molden | über das Wetter

Das Herumsitzen im Spätwinter, das ist der Tod. Wer am Ende des Winters nur herumsitzt, weil er glaubt, dass das Aussitzen des Winters die letzte Möglichkeit ist, um ihn zu besiegen, der hat schon verloren. Der ist Zielscheibe des rheumatischen Reißens und jener „depressiven Verstimmungen“, von denen der Biowetter-Dienst der Hohen Warte so schön schreibt. Nun ist das Herumsitzen, währenddessen sich im Hirn die Kunst formt, natürlich Lebensteil eines jeden freien Kunstmenschen, wie ich einer bin, aber man darf es nicht zu weit treiben. Auch wenn du glaubst, es geht nicht mehr – hinaus, hinaus, hinaus. Der falsche Frühling ist natürlich auch vergangen. Das war natürlich alles eine Lüge. Und der Schnee zurückgekommen. Aber beim zweiten Mal funktioniert er nicht mehr, der Schnee. Da ist er nur noch ein ärgerliches, unbekömmliches Wettergesicht. Aber trotzdem, es hilft nichts – hinaus, hinaus, hinaus. Mit allen drei, relativ widerstandslosen Kindern waren die Liebste und ich beispielsweise bei leichtem, depressiv verstimmtem Schneefall in der Lobau spazieren. Von der Panozzalacke ausgehend, über napoleonisches Hauptquartier und Nazibunker in nördlicher Richtung. Mit Schnee im Mund erklärte ich der Brut, wie ausgerechnet die dschungelig-bukolische Lobau Schauplatz der größten Kriege der letzten zweihundert Jahre wurde, und wir gingen weiter. An Feldern und Kiefernhainen vorbei, durch alte Silberpappelverhaue und schilfige Abschnitte, ehe wir über einen großen Bogen zum Ölhafen und schließlich zurück zum Auto fanden. Die erste Stunde im trauten Heim, nach so einem erbittert erzwungenen Wintermarsch, die gehört zu den kuscheligsten Momenten überhaupt. Ich setze mich dann gern an den Rechner und messe auf Google Earth die Länge des zurückgelegten Marsches nach: Bittesehr, rufe ich dann der Liebsten zu, siebeneinhalb Kilometer Lobau!Aber auch die Länge meiner allein zurückgelegten Werktagsgänge beginne ich mittlerweise nachzumessen. Saitenkaufen spazieren beim Kerschbaum am Heumarkt: 4,17 Kilometer. Lyrisches Luftschnappen am Sankt Marxer Friedhof: 3,38 Kilometer. Das ist sehr schrullig, ich weiß, aber am Ende steht der Frühling.

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