Meinung | Kolumnen | Ueberleben
05.12.2011

über LEBEN: Sprachcodes

Guido Tartarotti über verschlüsselte Aussagen.

Ein Diplomat darf alles, nur nie die Wahrheit sagen. Ein Diplomat ist sozusagen ein Tourismusprospekt auf Beinen. "Hotel mit optimaler Verkehrsanbindung" heißt, vor dem Haus führt eine sechsspurige Autobahn vorbei. "Pool im landestypischen Stil" bedeutet, das Becken ist nie eingelassen, denn Wasser gibt es nur donnerstags zwischen 18 Uhr und 18 Uhr 20. Und ein "naturbelassener Strand" hat statt Sonnenschirmen alte Chemikalienfässer zu bieten. Ähnlich ist es in der Diplomatie. Sagt ein Diplomat "Wir sind zuversichtlich, unsere bilateralen Differenzen auf dem Verhandlungsweg beilegen zu können", meint er: Die Sprengköpfe sind schon scharf. "Unser Verhältnis ist von Respekt und dem Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung getragen" bedeutet: Ihr lasst's uns in Ruhe unsere Dissidenten foltern, und wir reden dafür nicht über den Atommüll vor eurer Küste. "Danke, Herr Premier, für dieses wunderbare Gastgeschenk" heißt übersetzt: Diesen Krempel kann ich ja nicht einmal meiner halbblinden Tante Hertha zu Weihnachten weiterschenken, eine nackte Balletttänzerin aus Bronze, das ist wieder typisch für den versoffenen Wüstling. Diplomatie heißt: Wahrheit verboten!

Jetzt hat der türkische Botschafter behauptet, die Österreicher würden sich nur im Urlaub für fremde Kulturen interessieren. Die Empörung war natürlich groß. Wie kommen wir dazu, uns so etwas unterstellen zu lassen? Der Herr war offenbar schon lange nicht mehr in seiner Heimat. Würde er einen Ferienclub in Antalya besuchen, könnte er feststellen: Zum Frühstück gibt's Apfelstrudel, zu Mittag Wiener Schnitzel und am Abend DJ-Ötzi-Hits in der "Ali-Alm". Und die Bauchtanztrainerin ist natürlich aus Tirol. Exzellenz, nehmen Sie zur Kenntnis: Sie haben keine Ahnung - wir interessieren uns nämlich nicht einmal im Urlaub für andere Kulturen.