Meinung | Kolumnen | über LEBEN
25.03.2017

Verdächtig!

Der einzig wichtige Tanz: der aus der Reihe

Zu wenig in die Gruppe eingebracht.

Guido Tartarotti | über Shit- und sonstige Stürme.

Seit ich vor sechs Jahren in einer scherzhaften Kolumne über das Pinkeln im Sitzen geschrieben hatte, bekam ich nicht mehr so viele Zuschriften.

Damals war es ein Shitstorm (wobei Shitstorm nicht ganz das richtige Wort ist in diesem Zusammenhang): Viele Männer fassten das Bekenntnis, dass die Männer meiner Familie im Sitzen Wasser lassen, und zwar im Wissen um die Gesetze der Physik, als Bedrohung ihrer Männlichkeit auf. Die Tatsache, dass es ihnen ja sowieso frei steht, im Stehen, Laufen oder Fliegen zu urinieren, reichte ihnen nicht – sie verlangten, dass a) auch sonst kein Mann sich sitzend entwässern dürfe und b) vor allem nicht über sitzendes Entwässern geschrieben werde. Einer schrieb wörtlich „Das Pinkeln im Stehen ist das letzte, was uns die Emanzipation noch gelassen hat“, und das klang so arm, dass ich beinahe eine Mahnwache abgehalten oder ein Musical darüber geschrieben hätte.

Nun gab es ähnlich viele Reaktionen, allerdings zustimmende, und zwar auf die Kolumne, in der ich mein persönliches Unbehagen über Gruppendruck und Herdenzwang ausgedrückt hatte. Mein Misstrauen gegenüber der Idealisierung des Wortes „wir“ begann vor 45 Jahren im Kindergarten, wo mich die Betreuerinnen als „verhaltensgestört“ bezeichneten, weil ich lieber allein als in der Gruppe spielte. Ungewöhnlich viele Leser sahen das ganz ähnlich und berichteten über ähnliche unangenehme Erlebnisse im Fall von Gruppen-Verweigerung.

Herr W. schreibt, dass sein dreijähriger Sohn ebenfalls im Kindergarten die Besorgnis und den Argwohn seiner Betreuerin erweckte, weil er gerne alleine spielt und „sich zu wenig in die Gruppe einbringt“ (allein die Formulierung ist in ihrer Betulichkeit schon so entsetzlich!). Offenbar hat sich in 45 Jahren wenig geändert: Wer nicht in der Herde grast, macht sich verdächtig.

Lieber Herr W., seien Sie stolz: Ihr Sohn beherrscht schon jetzt den einzigen Tanz, der wirklich wichtig ist – den aus der Reihe.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" läuft am 21. April in der Hinterbrühl, Anningersaal, am 28. April im Wilheringerhof, Klosterneuburg, am 6. Mai im Kulturcentrum Wimpassing, am 23. Mai im Theater am Alsergrund, am 31. Mai in der Kulisse Wien und am 8. Juni im Casino Baden.