über seine Matura vor 30 Jahren.
05/17/2016

"Radikal!"

Sie ist ein Gruß aus einer fernen Welt: meine Deutschmatura

von Guido Tartarotti

Sie ist ein Gruß aus einer fernen Welt: meine Deutschmatura

Guido Tartarotti | über seine Matura vor 30 Jahren.

Sie ist wie ein Gruß aus einer sehr, sehr fernen Welt, per Zeitmaschine zu mir gereist: meine Deutsch-Maturaarbeit. 30 Jahre und drei Wochen ist es her. Klasse 8a steht auf dem Deckblatt, 21. 4. 1986, abgegeben um 13 Uhr 10.

Ich hatte das Thema „Welche Hierarchie ist wirkungsvoll?“ gewählt, obwohl es mir auf die Nerven ging. Aber das Trakl-Gedicht zu interpretieren, erschien mir zu langweilig und zu formalistisch, und was mit dem dritten Thema („Die Ambivalenz der Kunst“) gemeint war, verstand ich schlicht nicht.

Das „Konzept“ umfasst zehn Seiten, die Schrift sieht nach purer Panik aus, die Buchstaben rinnen aus den Zeilen, taumeln übers Papier, manche Wörter sind riesig geschrieben, manche ganz klein. An einer Stelle steht „Freiheit des anderen achten!!! Glasperlenspiel erwähnen!!!“. Ideale waren mir damals offenbar wichtig, aber mit meiner Gelehrtheit anzugeben („Das Glasperlenspiel“ ist ein wenig bekanntes Buch von Hesse) ebenfalls.

Die „Reinschrift“ beginnt mit merkwürdig runden, für mich ganz untypischen Buchstaben, zum Ende hin, als mir die Zeit ausging, schauen die Wörter aus wie zerfetzt. Die Arbeit wird eröffnet mit dem schlechtesten Einstieg der Welt („Von Urzeiten an waren menschliche Wesen bestrebt ...“) und liest sich wie „Ich will, aber ich trau mich nicht“: In ungelenk nachgeahmtem Hesse-Stil („Die Hüter der Ordnung im Staate ...“) plädiere ich brav für brave Bürger in einem braven Staat, frechere Gedanken relativiere ich sofort wieder. Erst ganz am Ende packt mich kurz der Mut und ich schreibe: „(...) wird an unseren Schulen allzu oft daran gearbeitet, die jungen Menschen zu willigen ,Untertanen’ zu erziehen (...)“. Meine Deutschprofessorin markierte diesen Satz rot und schrieb „radikal!“ dazu.

In ihrer Bewertung nennt sie diese eher feige Arbeit „jugendlich forsch“ und belohnte mich mit einem Einser. Deutsch hatte ich hinter mir. Noch vier Tage bis Mathematik.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" hat am 2. September im Niedermair in Wien Premiere.

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