über den Wir-Zwang.
03/04/2017

Mein rechter, rechter Platz ist leer

Im Kindergarten: WIR fühlte sich an, wie ein zu enges, kratziges Gewand.

von Guido Tartarotti

Ich fühle mich wohler als Ich unter vielen Ichs.

Guido Tartarotti | über den Wir-Zwang.

Die frühen Jahre meiner Kindheit verbrachte ich im wesentlichen allein. Ich mied andere Kinder. Ich spielte am liebsten für mich allein. Die Wesen in meiner Fantasie interessierten mich mehr als die in der Realität. Als ich knapp fünf Jahre alt war, beendete meine Mutter ihr Studium, und ich kam in den Kindergarten, in die Obhut von einigen erstaunlich unfähigen Klosterschwestern. Und ich hasste es. Denn man ließ mich nicht in Ruhe.

Ich versuchte, im Kindergarten keinen Ärger zu bekommen und für mich zu bleiben, ich verzog mich in eine Ecke, um weiterhin mit meiner Fantasie alleine zu sein. Aber das wurde nicht geduldet. „Komm Guido, WIR gehen jetzt zu den anderen Kindern, WIR spielen ,Mein rechter, rechter Platz ist leer, WIR werden viel Spaß haben“, krächzte die vogelartige Klosterschwester. „Ich möchte das nicht, ich finde die anderen Kinder grob, dumm und gemein, sie schneiden Käfern die Beine ab und quälen einander, außerdem finde ich ,Mein rechter, rechter Platz ist leer’ schwachsinnig.“ Das hätte ich gerne gesagt, aber dafür fehlten mir die Worte, also sagte ich nur „Das ist mir viel zu blöd“, wurde ausgelacht, zum Mitspielen gezwungen und anschließend, bei einem Elterngespräch, für „verhaltensgestört“ erklärt.

Damals wurde mir beigebracht, dem Wort WIR zu misstrauen. WIR = das, zu dem sie dich zwingen, weil sie dein Ich nicht respektieren wollen. WIR fühlte sich an, wie ein zu enges, kratzendes Gewand.

Dieses Gefühl blieb mir bis heute, es verstärkte sich, je mehr ich mich mit Geschichte befasste – die schlimmsten Verbrechen der Geschichte begannen stets damit, dass man viele Ichs zu einem WIR vereinheitlichte. Das WIR dreht das Denken ab – und es trennt, zwischen WIR und „die anderen“.

Ich fühle mich wohler als Ich unter vielen Ichs. Und obwohl ich weiß, dass der Caritas-Slogan „wir > ich“ sehr gut gemeint ist, fühle ich mich immer, wenn ich ihn sehe, in den Klosterkindergarten zurückgezwungen.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 10. März und 23. Mai im Theater am Alsergrund zu sehen, am 21. April in der Hinterbrühl, Anningersaal, und am 28. April im Wilheringerhof, Klosterneuburg.

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