Meinung | Kolumnen | über LEBEN
29.04.2017

Hochmittelalterlicher Früh-Hippie

Brother Sun, Sister Moon: Erinnerungen und ein leichter, aber deutlich spürbarer Stich.

So wollten wir sein (halt minus Enthaltsamkeit).

Guido Tartarotti | über Bruder Sonne und alte Ideale.

Ich bin ja ein Nachtmensch und bleibe gerne bis nach Mitternacht auf, wache aber dann trotzdem früh auf. Vor dem Schlafengehen zappe ich mich, die Zahnbürste schon im Mund, immer noch einmal kontrollierend quer durch alle Fernsehsender. Und das ist ein Fehler. Denn nach Mitternacht wird das Fernsehprogramm erst interessant, und fast immer stoße ich auf irgendeinen Film oder irgendeine Doku, der bzw. die mich wieder hellwach macht.

Und unlängst war das „Brother Sun, Sister Moon“. In diesem 1972 gedrehten Film entsicherte Regisseur Franco Zeffirelli seine gewaltige, suggestive Kitsch-Kraft, um Franz von Assisi als eine Art hochmittelalterlichen Früh-Hippie mit Neigung zum Singen und Glücklichsein zu zeichnen. Dass das so überzeugend gelang, liegt vor allem an den gehauchten Liedern von Donovan.

Dieser Film, der schnell zum Kult wurde, scheint vor allem Lehramtsstudenten in den frühen Siebzigerjahren beeindruckt zu haben, denn zehn Jahre später beglückten diese wiederum ihre Schüler mit Video-Vorführungen von „Brother Sun, Sister Moon“. Ich sah „Brother Sun, Sister Moon“, während meiner Gymnasium-Zeit sicher 15-mal. Den Film zu lieben, fiel uns damals leicht – alles, was uns reguläre Unterrichtsstunden ersparte, war uns sympathisch. Und schon bald identifizierten wir uns alle mit Franz bzw. Clara. So wollten wir sein (halt minus Enthaltsamkeit): Mit verwaschenem Blick durchs Leben tänzeln, sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuend (und wer das Titellied auf der Gitarre konnte, hatte ziemliche Vorteile beim Pausenhof-Flirt).

Damals schwor ich mir: Ich werde aus meinem Leben etwas Besonderes machen, und nie nie nie werde ich dem Teufelskreis aus Erwerbszwang und Konsumsucht in die Falle gehen, ich werde nie vergessen, dass es Wichtigeres gibt. Echtes, Wahres ... und an all das musste ich denken, unlängst um zwei Uhr früh vor dem Fernseher, und dabei spürte ich einen leichten, aber deutlichen Stich.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" läuft am 6. Mai im Kulturcentrum Wimpassing, am 23. Mai im Theater am Alsergrund, am 31. Mai in der Kulisse Wien und am 8. Juni im Casino Baden.