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08.07.2017

Alle hielten die Goschen

Sprechen um zu tratschen.

Sprechen um zu tratschen.

Guido Tartarotti | über die Erfindung der Sprache.

Warum hat der Mensch die Sprache erfunden? Zwingend notwendig erscheint dieser Schritt aus heutiger Sicht nicht. Man stelle sich nur einmal vor, wie wunderbar friedlich es vor der Erfindung der Sprache auf Facebook und Twitter gewesen sein muss, oder in der Sendung „Im Zentrum“ – alle hielten einfach miteinander die Goschen. (Ich weiß, ich hab das schon ein paar Mal erzählt, aber ich mag die Geschichte so: In Kalifornien fand ich einmal durch Zufall einen Radiosender, der, absichtlich oder unabsichtlich, nur Stille sendete. Den vermisse ich immer noch.)

Meine These habe ich unlängst hier geäußert: Dass der Mensch die Sprache erfunden hat, damit er sich besser wichtig machen und „Narrativ“ statt Geschichte, „zeitnah“ statt bald und „abgeliefert“ statt gut gemacht sagen kann. Dem widersprach der KURIER-Leser (und -Chefredakteur) Helmut Br.: „Es gibt die Theorie, dass die Sprache durch Tratschen entstanden ist.“ Und zwar „über Mitglieder des anderen Geschlechts“.

Ich finde, das ist ein wunderschöner Gedanke. Dass die Sprache, also das Werkzeug, mit dem der „Faust“, das Höhlengleichnis und der heutige KURIER verfertigt wurden, entstanden ist, weil eine Urmenschin zur anderen sagen wollte: Der Mann von unserer Medizinfrau hat aber ordentlich zugenommen in letzter Zeit.

Mir fällt dann sofort ein Gedankenspiel ein: Angenommen, wir Menschen würden irgendwann das Tratschen verlernen, weil es uns einfach zu blöd wird, darüber zu reden, wer mit wem zamm ist oder eine Frisur wie der Trump hat – würden wir dann auch wieder die Sprache vergessen? Und würden wir die dann entstehende Stille als schön oder doch als fad empfinden? Leisten Society-Berichte in diesem Sinn einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der Sprache?

Ich glaube ja, die Menschen haben die Sprache erfunden, um einander besser missverstehen zu können, aber dazu vielleicht demnächst mehr.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 11. September im Kabarett Niedermair zu sehen, am 27. September im Theater am Alsergrund, am 29. September in der Bühne im Hof in St. Pölten und am 5. Oktober in der Stadtgalerie Mödling.