Rituelle Beschimpfung

Neulich ist auf „Etat.at“ ein Artikel über mich erschienen. Es ging um meine mutmaßlichen Pläne, ein neues Medium auf den Markt zu bringen. Darunter postete jemand folgenden Satz: „Spannend seine Glossen über Gott im Kurier am Samstag. So was findet nicht mal im Gottesstaat Iran statt. Der Typ gehört in eine geschlossene Anstalt oder ins Kloster.“

Ich will dieser Einschätzung gar nicht widersprechen, aber das ist hier nicht das Thema. Das Thema hier ist Internet und seelische Gesundheit. „Etat.at“ ist bekanntlich ein zum „Standard“ gehörender Nachrichtenkanal für die so genannte österreichische „Mediencommunity“, also im Wesentlichen das, was Gerd Bacher einmal die „Selbstinfektion mit dem eigenen Schmäh“ genannt hat. Das Poster-Forum dieses Nachrichtenkanals ist eine offene Digitalpsychiatrie, in der die zu kurz gekommenen Ex-Schreiberstars, Agenturmausis und Mediaplanungsheinzis ihr Buchstaben-Tourette ausleben.

Sie beschimpfen rituell die Menschen, die in der Berichterstattung vorkommen. Man kann den Hass verstehen, der aus der Enttäuschung darüber entsteht, dass nicht über sie, die als Poster ihre Bedeutungsplacebos verabreicht bekommen, berichtet wird. Manche Kollegen finden, das „Etat“-Forum sei das furchtbarste Forum von allen. Ich finde, es ist trotz allem ein Segen. Die Sozialkrüppel, die in diesem und in anderen Foren ihr trautes Heim gefunden haben, wären ja zwecks Erzeugung der Bedeutungssurrogate, auf die sie angewiesen sind, gezwungen, echte Medien zu produzieren. Ihnen wird aufgefallen sein, dass sich dieser Text ungefähr so liest wie ein „Etat“-Posting. Sie werden sich vielleicht denken, dass das kein Zufall ist. Sie haben Recht.

Ich wollte mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn man sich nicht anonym auskotzt, sondern unter vollem Namen.

(kurier) Erstellt am
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