Die Experten nennen das horizontales Zeitverständnis: Man hält das Vergangene präsent und lebt das Jetzt als Zukunft.

von Michael Fleischhacker

über den neuheidnischen Analphabetismus

H, ein Herr, meint, entscheidend sei der erste Satz. Was dann passiert, passiert naturgemäß: Starräugiges Gebet zur großen Datenwolke, sie möge verwertbare Zitatentropfen regnen lassen auf das Angesicht des Halbverdörrten. Es kann doch wohl bitte verdammt nochmal nicht sein, dass Nietzsche, Wilde, Aristoteles und all die anderen Klugscheißer, ja dass nicht einmal Astrid Lindgren, Gerda Rogers oder Lou Lorenz irgendetwas Vernünftiges, will heißen Zitables über den Anfang, das Anfangen, den ersten Satz oder irgendetwas in der Art hinterlassen haben.Da lob’ ich mir die Alten. „Initium sapientiae est timor domini“ sagt der Psalmist (111, 10), „der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn.“ Genetivus objectivus natürlich, nicht der Herr fürchtet sich, sondern man fürchtet den Herrn. Das wird H, den Herrn, freuen. Er hat heute Geburtstag, 24 Tage vor dem Herrn.Aber auch der neuheidnische Analphabetismus hat weisheitsmäßig etwas zu bieten: „Das Ende ist die Ewigkeit“, lese ich in der „Kronen Zeitung“. Es geht um den letzten Teil der „Twilight Saga“ namens „Breaking Dawn“. Das Ende ist die Ewigkeit: Das kann nur einer sagen, der nicht weiß, dass beides nicht existiert, also ein Philosoph oder ein „Krone“-Redakteursaspirant.Jener Herr hingegen, der mit beiden Beinen im Morgengrauen steht, weiß gewiss: Immer ist jetzt. Damit ist auch immer Anfang, das ist beruhigend und aufregend zugleich. Auch das wussten schon die Alten: „Der Tag wird kommen, und er ist schon da“, heißt es an vielen Stellen in den alten Büchern. Die Experten nennen das horizontales Zeitverständnis: Man hält das Vergangene präsent und lebt das Jetzt als Zukunft. Klingt mühsam, aber es ist auch nicht anstrengender als die „Chronik“ auf Facebook. Nur interessanter.

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