Das enge Land

Es gibt Zusammenhänge, die man nur erfassen kann, wenn man nicht in sie verstrickt ist.

Michael Fleischhacker | über Kolumnen

Der Zusammenhang zwischen Leid und Genie war mir immer klar. Es gibt Zusammenhänge, die man nur erfassen kann, wenn man nicht in sie verstrickt ist. Das ist die Existenzgrundlage von Unternehmensberatern, Paartherapeuten, Psychoanalysten und sonstigen Großhändlern an der Seelenbörse: Kraft ihrer Nicht-Verstricktheit entwerfen sie, ausgestattet mit ausreichend Informationen aller Verstrickten, ein Bild der Sache, des Unternehmens oder des individuellen Bewusstseinsstandes, das keiner der Mitspieler im System selbst zeichnen könnte.

Natürlich kann man es, wenn es in den elementaren Lebensvollzügen zu Problemen kommt, immer auch selber versuchen. Vorstände kündigen dann in der Regel ihre besten Mitarbeiter, Frauen verführen ihre Fitnesstrainer facebooktauglich, Sektionschefs peppen sich optisch zu knapp gescheiterten Künstlern des späten 19. Jahrhunderts auf, Politiker machen mit dem Trinken ernst, Journalisten werden zu Kolumnisten. Das seelische Betriebssystem der Kolumne ist, wenn man so will, das enge Land. Kolumnisten haben zu viel Talent, um einer ehrlichen Arbeit nachzugehen, aber zu wenig, um Literatur zu schaffen. Es geht ihnen zu gut, um sich umzubringen, aber zu schlecht, um sich darüber klar zu werden, dass ihr Leid nichts mit Genie zu tun hat.

Mir selbst geht es ja auch nicht besonders. Oder glauben Sie, dass es lustig ist, alles so vollkommen klar zu sehen, wie es wirklich ist, die Politikerdarsteller, die Herausgeberposeure, die Theateringenieure, die Gutmenschenindustriellen, die Ideengroßhändler und eigentlich überhaupt fast alles? Nein, das ist gar nicht lustig, es tut weh in den Seelenaugen, es ist wie ein Gletscherspaziergang ohne Sonnenbrille.Aber meine Therapeutin sagt, es sei für einen guten Zweck. Irgendwer müsse der Welt einfach sagen, wie sie wirklich ist.

michael.fleischhacker@kurier.at

Erstellt am 26.01.2013