über Vorurteile
10/31/2012

Zeit der Besinnung

Tagebuch: Skifahrer sind jobbedingt rasant unterwegs. Noch schneller sind oftmals Ferndiagnostiker mit ihren Vorurteilen.

von Wolfgang Winheim

Auch Skirennläufer ziehen leises Beten lautem Reden vor

Wolfgang Winheim | über Vorurteile

David Alaba fehlte bei der Ehrung der Sportler des Jahres, obwohl er als erster Fußballer seit Toni Polster (1997) bis in die Endausscheidung kam. Alaba war am letzten Oktobertag dienstlich verhindert – nämlich mit dem FC Bayern im Cup gegen Kaiserslautern engagiert.

Dass sich Alaba in die Herzen der Fans dribbelte, verdankt er nicht nur seiner Ballkunst, sondern auch seinem dezenten Verhaltenen vor Mikrofonen. Oft bedankt er sich, ohne seine Gläubigkeit marktschreierisch hinauszuposaunen, demütig bei seinen Eltern und dem lieben Gott.

Auch Skirennläufer ziehen leises Beten lautem Reden vor. So versammelten sie sich am Sonntagnachmittag in Sölden, unmittelbar nachdem 300 Reporter und Kameraleute den Weltcup-Schauplatz verlassen hatten, zu einem Gedenkgottesdienst für Björn Sieber.

Wenige Stunden vor Allerheiligen wurde ÖSV-Sportdirektor Hans Pum erneut bewusst, wie schmal der Grat zwischen Triumph und Tragödie sein kann. Er musste entscheiden, ob er Marcel Hirscher bei der Sportlerwahl des Jahres in Vösendorf gratulieren oder Sieber in Vorarlberg die letzte Ehre erweisen soll. Pum und Herren-Cheftrainer Mathias Berthold zogen Siebers Begräbnis im Bregenzerwald dem Gesichtsbad bei der Gala vor.

Björn Sieber war am Freitag Opfer eines Autounfalls geworden. Sofort nach Bekanntwerden der Tragödie hieß es, dass Sieber – typisch Rennläufer – viel zu schnell unterwegs gewesen sei. Selbst FIS-Präsident Gianfranco Kasper erklärte, er habe ja immer schon gesagt, dass für Rennläufer die Anfahrt gefährlicher als das Rennen sei. Dabei hatte nicht der ehemalige Junioren-Vizeweltmeister Sieber, sondern sein Bruder das Unglücksauto gelenkt.

Auch als Marcel Hirscher am 14. Mai im Ortsgebiet von Abtenau einen Audi gegen einen Baum gelenkt hatte, wussten Ferndiagnostiker und Online-Poster sofort, dass der Weltcupsieger zu rasant gefahren sei. In Wahrheit hatte er eine Mutter, die plötzlich links abgebogen war, plus ihr Kleinkind mit seinem Ausweichmanöver vor Schlimmerem bewahrt und dafür von den Ermittlern am Unfallort Lob erhalten. Doch das Vorurteil war schneller als der beste Skifahrer.

wolfgang.winheim@kurier.at

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