Wenn der Heiligenschein verblasst

Alteingesessene sind neuen Chefs meist suspekt. Weil auch Erstere eine eigene Meinung haben. Und darüber hinaus eine Lobby, die der Neue noch nicht kennt.

Das Abmontieren von Ikonen ist daher eine beliebte Methode von jungen Fußball-Trainern. Derer hat sich in der österreichischen Bundesliga heuer am auffälligsten der deutsche Sturm-Graz-Coach Peter Hyballa bedient, indem er die steirische Stürmer-Legende Mario Haas, Nationaltormann Christian Gratzei und anderen Spielern mit Teamchancen den Privilegierten-Status entzog.

Zuweilen suchen sich Trainer in Ermangelung guter Menschenkenntnis die falschen Feindbilder aus. Wie das zum Beispiel Lothar Matthäus in Wien-Hütteldorf passierte, als der deutsche Rekordnationalspieler im Rapid-Rekordler Peter Schöttel (485 Spiele) den faulen Apfel vermutete, bis letztlich der ganze Klub in einen sauren biss. Rang acht. So schlecht wie im Jahr 2002 unter Matthäus war Rapid davor und danach nie platziert.

Der Spieler Schöttel (jetzt selbst der Rapid-Coach) besaß während der Matthäus-Ära schon das Trainer-Diplom. Er hatte es 1998 mit Auszeichnung erworben. Auch zu kluge Köpfe sind Vorgesetzten nicht immer willkommen.

Fairerweise muss erwähnt werden, dass Matthäus damals am Beginn seiner Trainerkarriere stand, unehrlichen Beratern vertraute und im Wiener Westen Intriganten ortete, die (wie im Falle von Andreas Herzog) gar keine waren.

Das Bangen um die Autorität, das zeigt sich in den Ligen quer durch Europa, macht gerade Trainer-Neulinge besonders sensibel. Zuweilen aber neigen selbst die Erfolgreichsten der Branche aufgrund ihrer Eitelkeit zu Fehlern. Nur so lässt sich aus der Distanz erklären, warum die Wundertruppe von Real Madrid bereits 16 Punkte hinter dem FC Barcelona liegt und ihr Trainer Jose Mourinho (Eigendefintion "The special one") Reals Tormann-Legende Iker Casillas 48 Stunden vor dem Heiligen Abend auf die Ersatzbank verbannte. Worauf Real das Spiel in Malaga 2:3 und Mourinho endgültig seinen Heiligenschein verlor.

Das weihnachtliche Revanchefoul an Casillas haben in Abstimmungen der auflagenstarken Sport-Tageszeitungen inzwischen 90 Prozent der Leser von Marca und As abgelehnt .

Die guten Beziehungen des (mit einer TV-Reporterin liierten) stets höflichen Europa- und Weltmeister-Tormannes zu den spanischen Medien passen dem Portugiesen Mourinho nicht. Zudem hat Casillas einen entscheidenden Fehler begangen – nicht zwischen den Torpfosten, sondern bei der Wahl des Trainers des Jahres, ...

... als er nämlich dem spanischen Nationalcoach Vicente del Bosque seine Stimme gab.

(KURIER) Erstellt am
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