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17.07.2017

Von Amateuren und Pseudo-Geldgebern

Vor 50 Jahren und genau einem Monat ist Österreich Europameister im Fußball geworden.

Wolfgang Winheim | über vergangene Glanzzeiten

Keine Geschichtsfälschung! Vor 50 Jahren und genau einem Monat ist Österreich Europameister im Fußball geworden.

Dass am 16. Juni, dem Jahrestag des denkwürdigen Erfolgs, eine mediale Würdigung unterblieb, wird wohl daran gelegen sein, dass es noch das Nachbeben vom 1:1 des Teams in Irland samt Marcel Kollers Analyse zu verarbeiten galt. Auch war im 67er-Jahr die Goldene "nur" bei der Amateur-EM errungen worden.

Allerdings: Der Amateur-Fußball besaß zu dieser Zeit, in der die Kluft zwischen arm und reich noch nicht so unverschämt groß war, einen international ernst zunehmenden Stellenwert. Zudem wurden in der Qualifikation die Niederlande und England von den österreichischen Feierabendkickern abserviert.

Bei der Endrunde auf Mallorca zeichnete sich sowohl im Semifinale gegen die Türkei als auch beim Finalsieg über Schottland ein gewisser Josef Hickersberger als Torschütze aus. Das schnelle Bürscherl aus Amstetten durfte, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon Wiener Austrianer, bei der EM mitwirken, weil es Student war.

Dass sein Amateurstatus nicht ganz gemogelt war, wurde Hickersberger noch zwei Jahre nach dem EM-Triumph anlässlich eines Zahnarztbesuches bewusst, als sich herausstellte, dass ihn die Austria (obwohl als Österreichs seriösester Klub geltend) nicht bei der Sozialversicherung angemeldet hatte.

Die meisten Spieler des EM-Goldkaders, der sich (der spätere WM-Spieler und Teamchef Hickersberger und Sport-Club-Stürmer Kurt Leitner ausgenommen) aus Regionalliga- und Landesliga-Kickern zusammensetzte, stellte der SC Eisenstadt. Allen voran Tormann Johann Schorn. Heute wuchert im Eisenstädter Lindenstadion, wo Schorn später auch in der höchsten Spielklasse kaum zu bezwingen war, das Unkraut. Die Heimstätte des burgenländischen Hauptstadtklubs (der den 2008 eingestellten Spielbetrieb außerhalb von Eisenstadt jetzt wieder aufnehmen will) galt als die zweitschönste Naturarena in Österreich. Die schönste ist nach wie vor die Hohe Warte in Wien-Döbling. Wo Regionalligameister Vienna seinen Titel nicht verteidigen darf.

Tragisch

Ob von Bauspekulanten oder dubiosen Pseudo-Geldgebern – zu oft war die Vienna in den letzten 25 Jahren für sportfremde Zwecke missbraucht worden. Jetzt wurde der Traditionsklub per Gerichtsbeschluss in die 5. Leistungsstufe rückversetzt. Das mag juristisch die einzig seriöse Lösung sein, ist aber sportlich gesehen eine kleine Tragödie. Andreas Herzog, Peter Stöger, Andreas Heraf, Ivica Vastic und im neuen Jahrtausend EM-Tormann Jürgen Macho oder Philipp Hosiner – viele brachten es via Zwischenstation Vienna zu Nationalspielern. Das wird in der zweiten Wiener Landesliga, wo Platzwarte bestimmen, ob auf Gras, Kunstrasen oder gar nicht gespielt wird, nicht mehr möglich sein. Zu trist ist das Umfeld, zu gering die sportliche Herausforderung, um es als Vienna-Talent ganz nach oben zu schaffen.

Trotzdem: Der 123. Geburtstag, den Österreichs älteste Fußballklub im August begeht, soll und darf nicht Viennas letzter sein.