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06.08.2017

Peinlicher als 50 verschossene Elfmeter

Keine andere Sportart löst dermaßen heftige Emotionen aus. Negative wie positive.

Wolfgang Winheim | über den Frauenfußball

Die Schwimmer haben soeben ihre WM in Budapest absolviert, wo der (vor dem rot-weiß-roten Verbandschaos zuerst nach Berlin und danach erfolgreich zum Dauertraining in die USA "geflohene") niederösterreichische Student Felix Auböck zwei Mal ins Finale kraulte.

Die Leichtathleten springen und laufen in London um Edelmetall, wo Österreich vor großer Kulisse mit dem bisher kleinsten (= fünfköpfigen) WM-Team vertreten ist und Siebenkämpferin Ivona Dadic mit einer Top-Ten-Platzierung spekulieren darf.

In den beiden Elementarsportarten käme niemand auf die Idee, einer Athletin vorzuwerfen, dass sie um ein paar Sekunden langsamer schwimmt oder dreißig Zentimeter weniger weit oder hoch springt als ein Mann.

Im Fußball ist das anders, wie in diversen Online-Foren viele entbehrliche Macho-Postings zeigen. Peinlicher könnten selbst 50 verschossene Elfer der ÖFB-Damen nicht sein.

Unehrlich

Keine andere Sportart löst dermaßen heftige Emotionen aus. Negative wie positive.

Sobald hohe TV-Quoten großes öffentliches Interesse signalisieren, wird ungeniert auf den Populismus-Zug aufgesprungen; mimen Politiker aller Couleurs und Medien-Zampanos, nur weil’s halt gerade chic ist, für ein paar Tage die Begeisterten. Um dann wieder in den sportignoranten Alltag zu verfallen.

Im Falle der tüchtigen EM-Frauen wird’s trotz vollmundiger Versprechen nicht anders sein. Oder lässt sich mit Hartnäckigkeit doch eine Abkehr von der Tradition und bei jedem Bundesligaklub das Installieren einer Damenelf erzwingen?

Kleinlaut gesteht der Autor dieser Zeilen, dass ihm weibliches Teamwork, Leidenschaft und Kondition (allen voran Laura Feiersinger) zwar mächtig imponieren, dass ihm aber die Damen-EM-Spiele an zeitlupenverdächtige TV-Konserven längst vergangener Ländermatch-Epochen der Herren Wunderkicker erinnert haben. In Wahrheit ist ein direkter Vergleich der Geschlechter genauso unseriös wie jener zwischen Generationen.

Unglaublich

Bälle, Schuhe, Trainingsmethoden, Ernährung – nichts ist mehr so wie früher.

So durften Rapid- und Austria-Spieler (unter ihnen Josef Hickersberger) noch Anfang der 70er-Jahre auch bei ärgster Hitze in den Sommercamps nur ein Glas Wasser (aus heutiger sportmedizinischer Sicht fast Mord) trinken, weil Trainer glaubten, dass weniger Flüssigkeit mehr Leistung bringe.

Und so waren lange Zeit nicht einmal Spielerwechsel erlaubt. Weshalb bei der WM 1954 in der Schweiz, wo Österreichs Männer – wie jetzt die Frauen – Dritte geworden sind, Tormann Kurt Schmied trotz eines Sonnenstichs 90 Minuten durchhalten musste. Erst vom Masseur, der den zwischen dem Pfosten Herumtaumelnden immer wieder laben und vor auf ihn zurollenden Bällen hatte warnen müssen, erfuhr Schmied den Endstand in der Hitzeschlacht von Lausanne. 7:5 gegen Gastgeber Schweiz.

Unvergesslich

Dass es sich um keine erfundene G’schicht handelt, kann der zweite Held dieses legendären WM-Spiels, der dreifache Torschütze Theodor "Turl" Wagner, bestätigen.

Wagner wird am heutigen 6. August 90 Jahre alt.