Tagebuch: Nerzmantel-Parade

Wolfgang Winheim © Bild: Stephan Boroviczeny

In Bormio, drei kurvenreiche Autostunden von Mailand entfernt, ist nichts zu bemerken von der Wirtschaftskrise.

Max Franz (22), Manuel Kramer (22), Markus Dürager (21), Johannes Kröll (20), Matthias Mayer (21), Björn Sieber (22) - dank dieser Bürschchen stellt Österreich die jüngste Mannschaft bei der steilsten Abfahrt des Winters.Um ihnen die Mutprobe zu erleichtern, hat der ÖSV Michael Walchhofer als Teilzeit-Mitarbeiter engagiert. Die fünf schauen auf zu ihrem in die Rennpension gegangene Ratgeber und Seelenmasseur.Auf den Plakaten, mit denen Bormio für das Rennen wirbt, ist formatfüllend Walchhofer abgebildet - wie er die letztjährige Abfahrt gewann und für einen "Sponsor" Helmreklame machte, von dem er keinen Euro sehen sollte.Der Finanzdienstleiter leistete sich eine Pleite.

Betrogen

Mit einem anderen Geldhai machte Walchhofer noch unangenehmere Erfahrungen: Ähnlich wie Austria-Torjäger Roland Linz büßte er mit Auer-von-Welsbach-Aktien einen hohen, sechsstelligen Euro-Betrag ein, was einen sparsamen Wirtschaftsstudenten wie Walchhofer besonders schmerzen muss. Existenzängste brauchen den dreifachen Vater freilich nicht zu plagen. In jahrzehntelanger Arbeit hat die Familie Walchhofer aus dem verträumten Schneeloch Zauchensee ein florierendes Wintersportzentrum gemacht. Das romantische Hotel Zentral, das Michaels Frau während seiner Ski-Karriere zuweilen im Alleingang führte, ist auch heuer ausgebucht. "Nur im März und April san no Zimmer frei."

Betucht

In Bormio, drei kurvenreiche Autostunden von Mailand entfernt, ist schon gar nichts zu bemerken von der Wirtschaftskrise. Volle Discos, sündteure Boutiquen. Selbst an den Feiertagen waren die Geschäfte noch um 20 Uhr geöffnet. Konträr zum italienischen Ruf hatte schon im Weltcup-Ort Alta Badia niemand an Streik gedacht. Die Nerzmantel-Parade in Bormios enger Via Roma hält auch tagsüber Vergleichen mit dem Ambiente auf der Wiener Kärntner Straße locker stand. In Relation zu Eleganz, Preisen und Renn-Gefahren wirken Bormios Preisgelder bei der schwersten Abfahrt hingegen noch nicht der Inflation angepasst: 27.000 Euro brutto für den Sieg, 18.000 Euro für den zweiten, 820 Euro für den zehnten Platz. Die jüngsten fünf Österreicher brauchen sich um das Prämiensystem (noch) keine Gedanken zu machen. Ihr Ziel kann nur lauten, Donnerstag Mittag g’sund im Ziel zu stehen.

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Erstellt am 28.12.2011