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10.12.2011

Tagebuch: Leid, Neid, Freud

Gerade Opfer des Leistungssports zieht es an ihre Wirkungsstätten zurück.

Matthias Lanzinger wird in dieser Woche, während seine Freunde im Südtiroler Grödner Tal um Weltcup-Prämien rasen, im Nordtiroler Kühtai im Behinderten-Europacup starten. Um Bonus-Punkte zu sammeln, die ihm im nächsten Winter eine Teilnahme im Versehrten-Weltcup und 2014 eine bei den Paralympics ermöglichen sollen. Ungeachtet seiner Profi-Vergangenheit muss er sich erst mit der letzten Startnummer qualifizieren. Lanzinger wird nichts geschenkt. Er will auch keine Protektion.Als ich ihn im April 2008 wenige Wochen nach seinem Unfall in der Reha-Klinik Bad Häring besuchen durfte, war er in keiner Sekunde des Interviews auf Mitleid aus. Ja, Lanzinger betonte immer wieder, dass es Menschen gibt, mit denen es das Schicksal viel schlimmer meinte. Und die nach Arbeitsunfällen unbeachtet von der Öffentlichkeit vor sich hin leiden.Auch den Schweizer Silvano Beltrametti hörten seine Freunde seit zehn Jahren, seit seines Sturzes in Val d’Isère, nie jammern. Der Rollstuhlfahrer hat sich als OK-Chef des Ski-Weltcup-Finales in Lenzerheide mehrmals bewährt.Gerade Opfer des Leistungssports zieht es an ihre Wirkungsstätten zurück. So sieht der polnische Internationale Karol Bielecki , der nach einem Foul im Spiel gegen Kroatien auf einem Auge erblindete, die Handball-Welt wieder schöner. Geschützt mit Spezialbrille, wirft er Tore.So wagt sich die US-Surferin Bethamy Hamilton , der ein Tigerhai vor Hawaii einen Arm abgebissen hatte, längst wieder in die höchste Wellen, wohl wissend, dass Surfer von Raubfischen nach wie vor mit Robben verwechselt und für eine Brettljausn gehalten werden können.Eine symbolische La Ola gebührt der Niederländerin Monique van der Vorst , die mit 13 nicht mehr laufen konnte und sich als Rollstuhlfahrerin dem Behinderten-Sport verschrieb. Nach einem Trainingsunfall in Mallorca landete sie in der Intensivstation. Sie konnte laut Spiegel nicht mehr kauen, Und ihre Beine zuckten, als hätte sie Elektroschocks erhalten. Einige Tage später standen Ärzte wie elektrisiert vor ihr. Monique konnte plötzlich gehen. Fährt inzwischen sogar Rennen. Nicht im Rollstuhl, sondern mit dem Rennrad. Neider mutmaßen seither glatt, dass ihre Lähmung einst gespielt gewesen sei, so, als ob ein Teenager seine Jugendjahre nur aus Hetz im Rollstuhl verbringen wollte.Doch hier soll nicht angeprangert werden, welch Gehirnamputierte es gibt. Die unfassbaren Fälle mögen vielmehr jenen Mut machen, die nach Unfällen am Schicksal zu verzweifeln drohen. Für Wunder ist es nie zu spät.