Tagebuch: Haie und kleine Fische

Wolfgang Winheim
Foto: KURIER/Stephan Boroviczeny

Seit zig Jahren wagt in Wien niemand mehr die Organisation eines internationalen Leichtathletik-Meetings.

Von Eva Janko, der Speerwurf-Olympiadritten und Mama des Fußball-Teamkapitäns Marc Janko, bis zum soeben 50 Jahre alt gewordenen 100-Meter-Rekordhalter Andreas Berger - keine der Leichtathletik-Ikonen wusste, dass an diesem Wochenende die Staatsmeisterschaften stattfinden. Georg Werthner ausgenommen. Der vierfache Olympia-Teilnehmer startet selbst in Innsbruck. Schließlich ist er topfit und ... erst 55.

Doch die Leichtathletik hat sich weder Spott noch ihr Schattendasein verdient.

Offene Fragen

Wieso aber geriet die Elementarsportart dermaßen ins Abseits, während beim Beachvolleyball am Wörthersee - von Ö3 und Print-Medien gepusht - nicht nur Teenies bei jedem Ballkontakt kreischen, als fände Olympia nicht erst 2012 in London, sondern soeben schon in Kärnten statt?

Haben die Leichtathleten die Überfuhr oder eine Kombination aus Sport, Show und Musik versäumt?

Leidet die Basissportart darunter, dass sie an Rekorden gemessen wird, die ohne Doping unerreichbar sind?

Steht der Trainingsaufwand in keiner Relation zur Verdienstchance mehr?

Oder waren bzw. sind Leichtathleten, die oft aus dem akademischen Lager stammen, zu sehr von sich eingenommen und ihre Verbandsfunktionäre zu konservativ bis passiv?

Der einstige Wiener Ausnahmesprinter Doktor Axel Nepraunik machte sich schon vor 40 Jahren Feinde, als er bei einer TV-Livediskussion offen zugab, er wolle nicht vor rüdem Fußball-Publikum den Pausentrottel spielen.

Damals durften Leichtathleten in der Match-Halbzeit auf Asche rennen.

Inzwischen sind die Fußball-Fans leider nicht feiner und Stadien mit breiter Laufbahn (zum Vorteil für die Matchatmosphäre) weniger geworden.

Relikte

Im Linzer Stadion, wo das Gugl-Meeting bis vor vier Jahren ein Sommer-Highlight war, und im Wiener Prater-Stadion, in dem Ilona Gusenbauer 1971 vor dem WM-Qualifikationsspiel Österreich - Schweden mit 1,92 Metern ein Hochsprungweltrekord gelang, existieren noch Leichtathletik-Bahnen. Benützt aber werden sie in Wien nur noch für Autokorsos des ÖFB-Sponsors; oder wenn Tieflader vor Konzerten von Bon Jovi oder Grönemeyer zwecks Bühnenaufbau einrollen.

Seit zig Jahren wagt in Wien niemand mehr die Organisation eines internationalen Meetings. Zu groß wäre das Risiko in der Sportstadt. Um die Happel-Arena zu füllen, müssten Athletinnen wohl oben ohne rennen - oder Piranhas im Wassergraben vor dem 3000-Meter-Hindernislauf ausgesetzt werden.

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(kurier) Erstellt am
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