Tagebuch: Gentlemen und Diplomaten

Wolfgang Winheim<br />
Foto: Stephan Boroviczeny

Viel fideler als beim Finale in Schladming kann es auch am nächsten Wochenende bei den Musikanten kaum zugehen.

Am Abend des letzten Weltcup-Tages spielte der neue schwedische Slalom-Kugelgewinner Andre Myhrer mit seiner Elektrogitarre auf. Zugleich wurde dort, wo die Weltbesten ein paar Stunden zuvor abgeschwungen hatten, wieder geschraubt, gehämmert und eine Bühne für die Schladminger Musikanten-Ski-WM aufgebaut.

Viel fideler als beim Finale der Paukenschläge kann es auch am nächsten Wochenende bei den Musikanten kaum zugehen. Schon um sieben Uhr früh stürmten Fans die Stahlrohrtribünen. Schon um 9.05 Uhr war der Slalom für Gesamtweltcup-Titelverteidiger Ivica Kostelic und dessen Nachfolger Marcel Hirscher zu Ende.

Ihr rasches Ausscheiden mag auf die ORF-Quoten gedrückt haben. Vor Ort aber bejubelten 16.000 jeden Starter – unabhängig von Nationalität und sportlichem Abschneiden.

Andre Myhrer spielt Gitarre. Foto: Stefan Sigwarth

In Zeiten ständiger Skandalmeldungen und wirtschaftlicher Sorgen sehnen sich arbeitende Menschen eben nach ein bissl Erfolg und Fröhlichkeit. Nur beim ÖSV-Herren-Cheftrainer Mathias Berthold verfinsterte sich vorübergehend die Miene, als ihm via Handy ein Foto seines verbeulten und verpflasterten Sohnes übermittelt wurde.

Frederic Berthold fiel beim Europacup-Finale im Aostatal im Super-G fürchterlich auf die Nase. Zur gleichen Zeit, zu der Hirscher und Michaela Kirchgasser ihre Siege zelebrierten.

Ob Hirscher, Kirchgasser, Anna Fenninger oder Marlies Schild – sie alle kommen aus einem Salzburger Umkreis von nur 40 Kilometern; und aus einem Landesverband, in dem nach einer turbulenten Präsidentenwahl (Ex-Abfahrer Bartl Gensbichler setzte sich gegen Ex-Abfahrtsweltmeister Michael Walchhofer durch) gestritten wird, dass die Fetzen fliegen.

Pinzgau gegen Pongau lautet das Match. Und Reibung erzeugt Energie. Unter diesem Motto beginnen sich auch Schladminger Platzhirsche und ihre Vormünder vom ÖSV zu einer erfolgreichen WM-Organisation zusammenzustreiten. Aber: Was Fairness und Diplomatie betrifft, können sich auch altbewährte Funktionäre den jüngsten österreichischen Weltcup-Sieger zum Vorbild nehmen: Marcel Hirscher, 23. Holländische Mama und Salzburger Papa haben ihn gut erzogen.

(kurier) Erstellt am
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