Tagebuch: Der Held aus dem Archiv

Wolfgang Winheim
Vor 40 Jahren wurde Karl Schranz von den Olympischen Spielen ausgeschlossen.
Wolfgang Winheim

Wolfgang Winheim

Die drei Töchter des Karl Schranz schütteln den Kopf, wenn sie gelegentlich alte Filmkassetten vom Wiener Empfang ihres Vaters sehen, als 90.000 von der Simmeringer Hauptstraße bis zum Ballhausplatz Spalier standen.Vor genau 40 Jahren war der Weltmeister vom Arlberg in Sapporo kurz vor Olympia ausgeschlossen worden. Wegen Verstoßes gegen die Amateurregeln. In den Tagen danach durfte ich als überforderter junger Schlussdienst-Verantwortlicher Morddrohungen am KURIER-Telefon entgegennehmen. Sie galten Tiroler Sport-Funktionären genauso wie uns Journalisten, weil wir nach Meinung von Fanatikern nicht energisch genug für den Herrn Karl gekämpft hatten.Offiziell wurde Schranz sein Mitwirken bei Juxkickerln zum Verhängnis, in denen er und seine Mitspieler (zu denen gelegentlich auch ich zählte) Leibchen mit der Aufschrift "Aroma Kaffee" trugen. In Wahrheit hatte sich der Hobbykicker mit allzu deutlichen Aussagen über den millionenschweren IOC-Präsidenten Avery Brundage ein Eigentor geschossen.Stellvertretend musste Schranz für die Skifahrer büßen, die dem Schneehasser Brundage generell ein Dorn im kurzsichtigen Auge waren. Schranz wurde zum Märtyrer.Als sich die AUA-Caravelle mit Schranz, ORF-General Gerd Bacher und Fabrikant Franz Kneissl an Bord im Anflug auf Schwechat befand, ahnte Schranz, dem ich kurz zuvor noch Sätze für seine Kolumne abringen sollte, noch nicht, welche Massenhysterie er auslösen würde. Als jedoch der Jubel für den Ausgeschlossenen, der vom Balkon des Kanzleramts herunterwinken musste, von Kritikern mit der Stimmung bei Hitlers Einmarsch 1938 verglichen wurde, wollte auf einmal kein Politiker (auch Bruno Kreisky nicht) mehr der Initiator des Spektakels gewesen zu sein.Slalomfahrer hatten schon immer Saison.

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