über Protest zwischen 1980 und 2014
02/06/2014

Protest zwischen 1980 und 2014

Aus dem mutigsten Österreicher von Moskau 1980 wurde ein Universitätsprofessor.

von Wolfgang Winheim

Heute sind mündige Sportler noch weniger erwünscht

Wolfgang Winheim | über Protest zwischen 1980 und 2014

Ob Anna Netrebko die Hymne singt; ob die sowjetische Eiskunstlauf-Legende Irina Rodnina das olympische Feuer entzündet; ob und wie Wladimir Wladimirowitsch Putin eine TV-Kulisse von drei Milliarden zur Politshow nützt – alles bleibt bis zuletzt geheim. Fest steht nur, ...

... dass die ersten Winterspiele auf russischem Boden am Freitag eröffnet und ab 16.35 Uhr nicht vom ORF, sondern von ATV übertragen werden;

... dass Maria Höfl-Riesch die deutsche, Aksel Lund Svindal die norwegische und der Nordische Kombinierer Mario Stecher anstelle seines Schwagers Benjamin Raich die österreichische Fahne tragen wird;

... dass sich im Fisht-Stadion unter den rund 40 ausländischen Staatschefs Kanzler Werner Faymann, nicht aber ein Barack Obama oder der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck befindet;

Als die Russen erstmals Sommerolympia veranstalteten, blieben nicht nur westliche Politiker, sondern auch Sportler (teils unfreiwillig) zu Hause.

Wegen der Sowjet-Invasion in Afghanistan wurde Olympia in Moskau von Nordamerikanern, Briten, Deutschen boykottiert. Die Eröffnung erfolgte am 30. Juli 1980.

In Wien absolvierte der Spieler Josef Hickersberger an diesem Tag gerade sein erstes Training für Rapid.

Im Camp von Inter Mailand wurde Herbert Prohaska als Neuerwerbung präsentiert.

In Moskau versammelten sich 103.000 Linientreue zum kollektiven Jubel. Und im Bauch des Lenin-Stadions wurde der Schreiber dieser Zeilen Zeuge, wie just, als der Ministerpräsident Leonid Breschnew zu seiner Eröffnungsrede anhob, die Putzfrauen im Medienzentrum sich von den TV-Geräten abwandten und demonstrativ die Staubsauger einschalteten. Sauberes Olympia.

Zuvor waren die Österreicher, brav, neutral und modisch umstritten in Lederhosen und Trainingsblusen einmarschiert. Silber-Segler Wolfgang Mayrhofer aber sollte eine Woche später mehr Aufmerksamkeit auslösen als die meisten Goldmedaillengewinner. Indem er bei der Siegerehrung aus Protest gegen die Sowjet-Politik mit Trauerflor am Ärmel aufs Podium stieg.

„Wenn das einer meiner Sportler gemacht hätte ...“ durfte der damalige Judo-Präsident und ÖOC-Vize Kurt Kucera widerspruchslos ins Mikrofon sagen , „... hätte i ihm eine in die Gosch’n gehaut.“

Heute würde ein Protest à la Mayerhofer vom IOC mit Aberkennung der Medaille bestraft werden. Heute sind mündige Sportler noch weniger erwünscht. Heute ist der mutigste Österreicher von 1980 Vizepräsident des Segelverbandes und Universitätsprofessor in Wien.

Wie sich die Zeiten ändern. Und auch wieder nicht.

Das Afghanistan-Problem haben auch die Amerikaner nicht gelöst. Und die wunderschöne Hymne, die die Russen von der Sowjetzeit übernahmen, wird von Misstönen begleitet. Mit und ohne Netrebko.

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