über die WM-Berichterstattung
06/25/2014

Nicht Genügend, setzen!

von Wolfgang Winheim

Kritisch fragen und bestrafen stehe allein den FIFA-Bossen zu.

Wolfgang Winheim | über die WM-Berichterstattung

Journalistisch Note fünf! Während Fußballfans gleich nach Spielschluss Fotomontagen von Uruguays bissigen Stürmerstar Luis Suárez mit Beißkorb ins Internet stellten, wurde der südamerikanische Dracula vor dem Fernsehmikrofon im Stadion nach dem 1:0-Sieg gegen Italien alles gefragt, nur eines nicht: Was er sich dabei gedacht habe, als er den italienischen Abwehrrecken Giorgio Chiellini die Schärfe seiner Zähne spüren ließ.

Der ORF war schuldlos an der Reporter-Ignoranz. Die Flash-Interviews vom Stadion-Innenraum obliegen FIFA-nahen Leuten, die im offensichtlich vorauseilenden Gehorsam den Weg des geringsten Widerstandes gehen – getreu dem Motto: Nur nicht anecken bei der Obrigkeit. Kritisch fragen und bestrafen stehe allein den FIFA-Bossen zu.

TV-Stationen, die (wie der ORF) über keine Mannschaft aus ihrem Land berichten können oder die (ebenfalls wie der ORF) sparen müssen, haben die oberflächliche Phrasendrescherei vom gastgebenden Sender zu übernehmen. Zudem sind große Stars gegenüber Mikrofonträgern aus kleinen Ländern immer seltener zu Wortspenden bereit.

Auch wird den Spielern von gereizten Teamchefs oft ein Maulkorb umgehängt. So einen würde so mancher Fußballfan gern dem jeweiligen TV-Kommentator verpassen, der im Stadion vor lauter Stress, technischen Problemen und Kopfhörer-Gedröhne von Details vor Ort oft weniger mitbekommt als jene im Patschenkino daheim, die er informieren soll. Bei einer WM wird die Kritik an Kritikern stets besonders laut. Nur zwei sind nach einer Endrunde als Sieger heimgekehrt: 1978 der Edi – "Ich wer’ narrisch" – Finger (Senior) nach dem 3:2 in Córdoba. Und vier Jahre später Robert Seeger, nachdem er in Gijón, empört über das Ballgeschiebe im letzten Gruppenspiel zwischen Deutschland und Österreich, die Zuschauer daheim zum Abschalten ihrer Fernsehapparate aufgefordert hatte.

Seit dem Nichtangriffspakt von Gijon, der Deutschen und Österreichern damals (zum Schaden von Algerien) ein Weiterkommen in der WM 1982 bescherte, müssen die finalen Spiele in jeder Vorrunde jeweils zeitgleich ausgetragen werden.

Weil es der Tabellenstand mit sich bringt, dass Deutschen und Amerikanern in ihrem Duell ein Remis zum Aufstieg reicht, wird spekuliert und von allen Medien an die Schande von Gijon erinnert. Dort hatte Walter Schachner damals kurz nach Abpfiff auf meine Interview-Bitte nur mit beharrlichem Schweigen und einem trotzigen Blick reagiert.

Schachner, der unbedingt gewinnen und Schützenkönig werden wollte, war der einzig Nichteingeweihte gewesen; der Einzige, der die Matchabsprache nicht realisiert hatte.

Aber darauf kam ich erst, als der Spielbericht schon längst gedruckt war. Auch dafür gebührte Note fünf.

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