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18.03.2018

Video-Spielchen auf der Titanic

Hoeneß befürchtet wegen ein Ende aller die Kickerei so belebenden Wirtshausdiskussionen. Irrtum.

Wolfgang Winheim | über den Videobeweis

Wenn die Salzburger am 5. April in Rom gegen Lazio antreten, werden – wie in der Europa League üblich – gleich sechs Referees das Geschehen kontrollieren.

Wenn die Salzburger heute in der Liga die Wiener Austria empfangen, dann marschieren mit den Spielern nur vier Regelhüter ein. Der Hauptschiedsrichter, zwei Assistenten (einst Outwachler genannt) plus der vierte Mann am Feldrand, der Spielerwechsel und das Verhalten der Trainer überwacht.

Wenn die Einsergarnitur des Red-Bull-Fußballkonzerns alias R(asen)B(allsport) Leipzig zeitgleich die Bayern empfängt, wird das Schiedsrichterteam beim deutschen Schlager ebenfalls nur aus vier Mann bestehen. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied.

Die Kontrollore können noch auf einen Einflüsterer vertrauen. Auf den fürs Publikum unsichtbaren Video-Referee, der – in einem TV-Container sitzend – strittige Szenen per Zeitlupe besser beurteilen und dann als Ferndiagnostiker seinen Experten-Senf dem Schiedsrichter per Funk übermitteln kann. Auf diese Art wurde bereits zig Entscheidungen umgedreht.

Seit dem letzten Sommer hat der Videobeweis in der deutschen Bundesliga Gültigkeit. Sehr zum Missfallen von Bayern-Boss Uli Hoeneß. Der befürchtete ein Ende aller die Kickerei so belebenden Wirtshausdiskussionen. Irrtum.

Es wird nicht weniger, sondern mehr gestritten. So rät der ehemalige deutsche Top-Schiedsrichter Bernd Heynemann dem Tabellenletzten Köln sogar, gerichtlich Video-Entscheidungen anzufechten, weil die den Ex-Klub von Peter Stöger gleich in fünf Spielen Punkte gekostet hätten.

In der österreichischen Liga wird es – zumal nebst Geld auf deren Provinzplätzchen die für den Videobeweis notwendigen optimalen Kamerapositionen fehlen – vorläufig keinen Video-Schiri geben. Bei der WM im Juni indes erstmals schon. Darauf haben sich am Freitag die Bosse des Weltfußballverbandes geeinigt.

Dass der Videobeweis beim FIFA-Kongress in Bogotá zum Hauptthema wurde, war so, als würde man auf einem untergehenden Schiff noch über die Temperatur des Swimming-Pools streiten. Zumal die ganze WM in Russland wackelt.

Zweischneidig

Immer mehr westliche Medien erwarten aus Protest gegen Wladimirs Putins blutige Syrien-Strategie einen Boykott der WM im Putin-Land.

Englands Premierministerin Theresa May will, dass die englische Nationalmannschaft nicht an der WM in Russland teilnimmt, nachdem ein Ex-Agent auf britischem Boden Opfer eines mutmaßlich vom Kreml aus inszenierten Attentats wurde. Einen eindeutigen Videobeweis gibt es – makaber formuliert – dafür zwar nicht. Doch die politischen Beziehungen zum WM-Veranstalterland sind im wahrsten Sinne des Wortes vergiftet.

So berechtigt die Vorwürfe an die Adresse Russlands auch sein mögen: So moralisch doppelbödig ist es, allein Sportler als Druckmittel zu verwenden, wie das schon bei Olympia 1980 in Moskau der Fall war ...

... als westliche Athleten (im Gegensatz zu jenen aus den neutralen Österreich) die Sommerspiele 1980 wegen der sowjetischen Afghanistan-Invasion boykottieren mussten;

als aber gerade westliche Großkonzerne Olympia 1980 zu guten Export-Geschäften mit Moskau nutzten.