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12.01.2013

Grenzgänger

Hirscher hat nur ein Rennen, aber nicht die Sympathien verloren. Im Gegenteil.

Wolfgang Winheim | den Riesentorlauf in Adelboden

Der Riesenslalom ist mehr als nur die alpine Basisdisziplin, in der sich an jedem Skikurs-Ende dessen Teilnehmer messen.

Der Riesenslalom kann eine Riesenshow sein. Das hat in Adelboden neben Ted Ligety vor allem Marcel Hirscher bewiesen. Trotz der Riesenenttäuschung. Oder gerade deswegen.

Hirscher wurde für seinen Mut zum Risiko bestraft. Hirscher hat nur ein Rennen, aber nicht die Sympathien verloren. Im Gegenteil.

Bei der WM ist er ohnehin Fixstarter. Andere dagegen fuhren in Adelboden noch um die letzte Chance auf einen WM-Startplatz in Schladming.

Der verträumte Höhenkurort Adelboden im Berner Oberland ist stets der letzte Riesenslalom-Schauplatz vor einem alpinen Großereignis. Das war schon zu den Rennläufer-Zeiten eines Hansi Hinterseer so, ...

... als (ohne Kunstschnee) noch oben auf der Tschentenalp gefahren wurde;

... als der Adelboden-Riesenslalom die einzige europäische Weltcupveranstaltung war, die nicht im TV übertragen wurde;

... als die Radio-Reporter in kleinen Holzkabinen neben der Bergstation am Start hockten und ein Rennen schildern mussten, von dem sie nur die Hälfte sahen;

... und als der Zielraum nur per Ski zu erreichen war und der Schreiber dieser Zeilen ein (wenig ergiebiges) Interview mit dem schüchternen schwedischen Sieger Ingemar Stenmark während der Schleppliftfahrt machen durfte.

Inzwischen wird unten in Ortsnähe am Chuenisbärgli gefahren, wo eine tolle Stimmung herrscht, die nur deshalb nicht mit jener in einem Fußball-Stadion verglichen werden kann, weil es so friedlich-fröhlich ganz ohne Aggression zugeht.

Auch heuer kamen wieder 28.000 Schweizer nach Adelboden, obwohl ihre Ski-Lieblinge nur noch einen Käse zusammenfahren: Erneut keiner unter den Top Ten. Die Bilanz stinkt zum Himmel wie das Gemisch aus Fondue und Glühwein am Chuenisbärgli.

Doch Spott ist unangebracht. Zumal ja auch süffisant daran erinnert werden könnte, dass mit Fritz Dopfer in Adelboden ein "halber Deutscher" Zweiter und bester Österreicher wurde. Der Stams-Schüler hatte sich erst mit 19 dem Deutschen Skiverband angeschlossen.