Stacheln für die Schwiegermutter

Was hat die Schwiegermutter getan, dass ein Kaktus nach ihr benannt wird?

Julia Schrenk | über einen Besuch im Botanischen Garten

Ich weiß nicht, wie es um die Beziehung zu Ihrer Schwiegermutter bestellt ist, aber meine (in spe) ist eine ganz liebe. Wenn wir zu Besuch kommen, darf ich mir wünschen, was zu Mittag gekocht wird. Sie versorgt uns mit frischem Gemüse aus ihrem Garten und bäckt uns immer Apfelstrudel.

Da dürfte sie aber eher die Ausnahme sein, wie ich nach einem Besuch im Botanischen Garten in Wien vermute. Denn dort entdeckte ich zuletzt den sogenannten Schwiegermuttersessel (Echinocactus grusonii): Der mexikanische Kaktus sieht aus wie ein bequemer Hocker – nur ist er mit unzähligen Stacheln übersät. Seitdem plagt mich die Frage: Was hat die Schwiegermutter der Person, die diesem Kaktus seinen Beinamen gegeben hat, nur getan? Zum Essen gekommen, obwohl sie nicht eingeladen war? In ihrem Sessel sitzend spitze Kommentare abgegegeben? Zu lange sitzen geblieben, obwohl es für sie längst Zeit gewesen wäre, zu gehen?

Überhaupt wirft so ein Spaziergang durch den Botanischen Garten allerhand Fragen auf. Zum Beispiel die: Warum gibt es dort eine "Kulturform" der Erdbeere, die sich tatsächlich Ananas-Erdbeere (Fragaria X Ananassa) nennt? Jahrelang wurden wir in dem Glauben gelassen, dass der Grund, warum alte Omas und Opas zu großen Erdbeeren Ananas sagen, schlicht jener ist, dass sie diese von den kleinen Erdbeeren im Wald unterscheiden können (dass sie deshalb zu den "echten" Ananas "Hawaii-Ananas" sagen, ist eine andere Geschichte). Und jetzt ist da plötzlich eine Erdbeere, die tatsächlich "Ananas" im Namen trägt!?

Fraglich ist auch, warum Tinkerbell, die Fee aus Peter Pan, ein grünes Kleid trägt, wenn doch die Afrikanische Schmucklilie – auch "Tinkerbell" genannt – lila blüht? Und was bitteschön ist an einem Goldregen gewöhnlich (Laburnum anagyroides)?

Nur eines scheint wenig verwunderlich zu sein, nämlich dass der Taschentuchbaum (Davidia involucrata) heißt, wie er heißt: Seine Blüten schauen tatsächlich aus wie Taschentücher.

( kurier.at , jus ) Erstellt am 02.09.2016