Meinung | Kolumnen | Stadtgeflüster
28.08.2017

Haare auf den Zähnen

Wenn man alten Wiener Damen länger zuhört, fasst man den Vorsatz, selbst einmal nicht so zu werden.

Julia Schrenk | Gespräche in der Straßenbahn

Samstagvormittag im 71er. Zwei alte Damen sitzen einander schräg gegenüber. Die beiden dürften sich schon länger kennen und auch öfters gemeinsam ins Kaffeehaus gehen, trotzdem siezen sie einander.

"So viele Fremde in der Stadt!", sagt eine der Frauen. Ihre Bekannte versucht zu beschwichtigen: "Ja, aber die lassen ja ein Geld da." "Aber von dem Geld, das die dalassen, haben wir Rentner nix!", sagt die Grantige wieder. Und ihre Bekannte versucht wieder, ihr ein bisschen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Man dürfe ja nicht immer alles so Negativ sehen. Ihre Tochter sage immer: "Sei’ froh, dass d’ schon so alt bist. Wer weiß, ob deine Enkel noch eine Pension kriegen." Aber auch das hob die Stimmung der alten Dame nicht. Im Gegenteil, ihr Grant wurde nur noch befeuert: "Wir haben’s auch nicht leicht gehabt, als wir jung waren! Wir haben den Krieg erlebt!"

Jetzt versucht es die Bekannte mit Ablenkung und fragt die Grantige, ob sie das nächste Mal wieder zur Kaffeehaus-Runde komme. Aber die Grantige sagt nur: "Also, wenn da so viele Leut’ wie beim letzten Mal sind, nicht! Da kommt man ja gar nicht mehr zu Wort! Da kann ich es gleich bleiben lasen!"

Wenn man so alten Wiener Damen mit Haaren auf den Zähnen länger zuhört und darüber nachdenkt, ob die eine, die so grantig war, wohl einfach nur einen schlechten Tag hatte oder immer so bissig ist oder ob ihr einfach irgendetwas Schlimmes passiert ist und sie jetzt ihren Gift an anderen auslässt, fasst man den Vorsatz, selbst einmal nicht so zu werden.

Und während man vor lauter Nachdenken fast die Straßenbahn-Station verpasst, an der man hinaus muss, man aufspringt und sich – wegen der alten Damen, die um einen herum sitzen – gerade noch einen Fäkalausdruck verkneifen kann, wird man auch noch jäh aus den Gedanken gerissen. Von der Grantigen, die herüber keift: "Ja!", sagt sie. "Des kummt davon, weil die Jungen die ganze Zeit nur auf’s Handy schauen!"