über zu späte Kritik
06/18/2016

Mehr Mut zur Kritik

von Paul Scharner

Doch der Blick für das Negative hätte schon früher geschärft werden müssen.

Paul Scharner | über zu späte Kritik

Früher als erwartet hat Österreich ein Entscheidungsspiel. Ich nehme an, dass Marcel Koller die Teamspieler auf einen Sieg einstellen wird. Von Beginn an auf ein Remis zu spielen, ist viel zu gefährlich, und das liegt diesem Team auch nicht.

Der für mich wichtigste Spieler – Zlatko Junuzovic – fehlt heute leider. Wie er trotz seiner Verletzung gegen Ungarn noch den guten Volleyschuss anbrachte, zeigt seinen außergewöhnlichen Willen und Charakter. Als Ersatz würde ich Alessandro Schöpf nominieren, jedenfalls nicht David Alaba nach vorne ziehen. Aber auch sonst bieten sich einige Wechsel an. Das Beispiel Nordirland mit dem erfolgreich neu zusammengestellten Team gegen die Ukraine zeigt, dass Veränderung nach einer Enttäuschung sehr wirkungsvoll sein kann.

Ändern muss sich auch das Verhalten in Tornähe. Die Isländer hatten nicht viele Chancen gegen Portugal, aber dabei immer das Tor getroffen. Diese Effizienz ist möglich, wenn alle Verantwortung übernehmen und nicht daran denken, doch lieber nochmals querzuspielen.

Taktisch würde ich variieren. Auf eine Pressing-Phase, um Portugal einzuschüchtern, kann durchaus auch ein Rückzug folgen. Wichtig ist, dass die Ausrichtung bewusst gewählt wird, um die totale Dominanz der technisch stärkeren Portugiesen zu verhindern. Nur wenn das hohe Tempo angenommen wird, ist ein Erfolg möglich.

Gute Miene

Dass wir jetzt in dieser schwierigen Lage stecken, hängt auch damit zusammen, dass beim ÖFB gerne gute Miene zum bösen Spiel gemacht wird. Kritische Töne waren vor der EURO beinahe verpönt, negative Beurteilungen zu den durchwachsenen Testspielen nicht erwünscht. Das Motto war: Wir schalten dann eh automatisch in den Turniermodus. Mitnichten hat das gestimmt!

Meine Erfahrung als Profi war: Wenn zu viel Wert darauf gelegt wird, dass "elf Freunde" einlaufen, geht intern der kritische Blick verloren. Auch wenn es manchmal wehtut, ist es extrem wichtig, den Mut zu haben, Negatives anzusprechen.

Ich will nochmals betonen, dass ich mir Österreichs Erfolg sehnlichst wünsche. Sonst hätte ich meine 100 Euro auf den EM-Titel auch gleich spenden können. Aber: Dass Bedarf da gewesen wäre für kritische Worte und Anpassungen, zeigt sich jetzt.

paul.scharner@kurier.at

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